DIE ZEIT: Herr Lamy, die Weltwirtschaft steht am Rande einer Rezession. Es scheint, die Globalisierungskritiker haben Recht: Der Kapitalismus ist krisenanfällig.

Pascal Lamy: Ich teile diese Kritik in mancher Hinsicht. Der freie Markt hat auch negative Seiten. Was wir zurzeit erleben, an steigender Ungleichheit, an wiederkehrenden Krisen - das erinnert mich an die industrielle Revolution und die Jahrzehnte danach.

ZEIT: Damals hieß die Antwort: mehr Staatseingriffe, mehr Regulierung. Braucht auch die heutige Weltwirtschaft wieder mehr Kontrolle?

Lamy: Ja, definitiv.

ZEIT: Ihr Parteifreund, der französische Premierminister Lionel Jospin, hat die Einführung der so genannten Tobin-Tax gefordert, also einer Steuer auf Devisengeschäfte. Das soll die Spekulanten abschrecken und die Währungen stabilisieren.

Lamy: Er hat vorgeschlagen, die Einführung einer solchen Steuer zu prüfen, das ist ein Unterschied. Aber zur eigentlichen Frage: Die Tobin-Tax ist inzwischen zu einem Symbol der Globalisierungskritik geworden. Ich bin zwar teilweise auch ein Globalisierungskritiker, aber ich glaube, eine solche Steuer kann die Währungsspekulation nicht wirklich eindämmen. Da müssen wir nach anderen Mitteln suchen. Generell denke ich, dass wir vor allem die internationalen Institutionen stärken müssen, wie zum Beispiel die Welthandelsorganisation WTO. Nur so können wir die Vorteile des freien Handels nutzen - und ihn gleichzeitig so weit regulieren, dass der Umweltschutz oder die Verbraucherinteressen nicht zu kurz kommen.

ZEIT: Haben Sie vor zwei Jahren, vor den Protesten von Seattle, auch schon so geredet?