Das kappadokische Dorf Göreme, mitten in der Türkei, liegt noch halb im Schlummer, und der Morgen ist tatsächlich gut. Kein Wölkchen trübt das zartgoldene Licht der frühen Sonne. Getrübt ist höchstens das Befinden einiger Passagiere, als wir bis auf Aprikosenpflückdistanz an die Baumwipfel heranschaukeln. Der Pilot zeigt, was er kann: Senkrecht fährt er an Felswänden hoch, zieht auf Augenhöhe an der Spitze des Minaretts vorbei. Dann lässt der vierstrahlige Gasbrenner, dessen Hitze uns beinahe den Scheitel versengt, den Ballon sanft, aber stetig steigen. Wie durch eine lange Zoom-Fahrt mit der Kamera werden Felder zu Patchwork, Straßen zu Spielzeugbahnen. Als wir über den Rand des Tals hinauskommen, weht eine sanfte Brise. Bis auf 2000 Fuß steigt die Himmelsloge. Wir halten die Luft an. Nicht vor Angst. Vor Staunen.

Drei eifrige Architekten, so erzählt uns der Reiseleiter, bedrängten Gott, ihnen endlich genügend Material zur Verfügung zu stellen. Gott befahl den Vulkanen Hasan und Erciyes, den Wunsch großzügig zu erfüllen. Die beiden spuckten so viel Lava und Asche, dass die drei Baumeister - Regen, Wind und Schnee - bis heute beschäftigt sind. So verständlich kann Erdgeschichte klingen.

Kappadokien hat schon manchen Wortschatz an seine Grenzen gebracht. Von Feenkaminen und Zipfelmützenbergen ist oft die Rede. Auch der Mond muss als Bild herhalten. Auf den ersten Blick wirkt dieses Meer aus weißen Hügelrücken, Labyrinthen, Tafelbergen, Säulen, Pilzen, Spargeln, als hätte Walt Disney beim berühmten spanischen Architekten Antonio Gaudí einen Grand Canyon in Auftrag gegeben. Aber selbst bei diesem Vergleich müssten Disney und Gaudí auf LSD gewesen sein.

Felskirchen, Wohnhöhlen jede Menge

Es würde nicht weiter wundern, wenn gleich ein Raumschiff um die Ecke böge und Captain Jean-Luc Picard von der Enterprise herüberbeamte, um einen kleinen Vortrag zu halten. Kühl formuliert, mit allen Daten von 7000 vor Christus bis heute. Über Hethiter, Kimmerer, Meder, Lydier, Phryger, Perser, Römer und alle, die danach kamen. Damit hätten wir den historischen Teil abgehakt.

In Kappadokien gibt es so viel abzuhaken,dass einem schwindlig wird vor Zahlen: Wie viele hundert Felskirchen? Wie viele tausend Wohnhöhlen? Christentum und Islam lebten hier über Jahrhunderte friedlich miteinander und hinterließen einen kulturellen Reichtum, der selbst gemessen an den Verhältnissen des Open-Air-Museums Türkei mit seinen 430 Ausgrabungsstätten einzigartig ist. Captain Picard, antworten Sie!

Doch Picard ist nicht da. Stattdessen faucht der Brenner, wir nähern uns wieder unserem Planeten. Ein Champagnerkorken knallt. Urkunden werden überreicht.