Knistern, Säuseln, Knacken, Summen, Klopfen. Wer das entdecken will, muss still sein. "Sei doch mal still", sagt die Schwester, doch der Bruder sieht's nicht ein: "Warum soll ich still sein?" Prompte Antwort: "Ich will was hören." Und da kommt dann doch Neugier ins Spiel: "Was willst du denn hören?"

So spontan beginnt der Aufbruch ins akustische Neuland. Wenn der Lärm verebbt, ist Platz im Ohr für die kleinen Geräusche. Der Regen, der Baum, die Vögel, die Eier im Nest, vielleicht sogar der Regenbogen? Und am Ende - rate mal - "Ich will hören, wie dein Herz schlägt", bpm, bpm, unterm T-Shirt.

Dies ist kein Bilderbuch mit dem Motto: Ruhe bitte! Vielmehr ein verspielter Tanz durch die Welt, mit dem Finger: Psst! Hör doch mal! Leise ist es wohl, aber die Bilder von Jacky Gleich geben keine Ruhe und sind gespickt mit Gesten der Bewegungslust. Charmante Provokationen der Stille, die für Spannung sorgen. Über jede Seite geht farbenfroh ein frischer Wind, der Linien zieht und Perspektiven setzt. Und die zwei kleinen Gestalten turnen als Aktivisten der Weltlust durch die Szenerie, extreme Arm- und Beinschläuche, Kopfmünder und Punktaugen, verschmitzt von den Mikrofüßen bis unter die Ratzfatz-Frisur, Persönlichkeiten aus ganz wenigen Strichen und Rundungen.

Der Text bringt rhythmisch neu das reizvolle Thema: Sei doch mal still. Und die Bilder illustrieren, erfinden ihre eigenen Motive und Geschichten hinzu, verstecken hier und da kleine Ideen. Etwa die surrealistische Petitesse: Das Mädchen - schrumpf, schrumpf - fliegt im Regentropfen am Fenster vorbei und winkt dem Jungen zu. Regen hören, Regen sein.

Still steht der Mond, die Nacht bricht an, doch unsere Lauscher werden nachtaktiv. Könnte noch eine Kissenschlacht geben. Könnte doch noch laut werden. So ein Buch, das muss gefeiert werden.

Hanna Johansen/Jacky Gleich:Sei doch mal still.Carl Hanser Verlag, München 2001; 32 S., 25,- DM