Wie darf man sich Engel ausmalen? Männlich, weiblich oder sächlich-puttig? Karl Valentin wünschte sie sich als weibliche Wesen bis 30, wenn möglich nackend, keinesfalls jedoch als Bäckermeister Meier mit Flügeln flatternd, dann bitte schon lieber unsichtbar. Nach Jutta Bauers Bilderbuch Opas Engel wird man sich Engel in Zukunft so denken: als vollbusige, gesetztere Damen, blau silhouettiert, ansonsten durchscheinend. Wesen also, die energisch und liebevoll einschreiten, wenn Not an der Frau ist und der zu beschützende Knabe mal wieder restlos von sich überzeugt scheint.

"Junge, mir konnte keiner was ...", erzählt der Großvater dem Enkel, während der am Krankenbett sitzt und sie sich beide die Hand halten. Der großkotzige Satz, der hilflose alte Mann und der liebevolle Blick des Jungen - schon der Anfang hält das ganze Leben, das ganze Buch, die menschliche Kunst von Jutta Bauer umfangen. Der Junge hört geduldig zu und schenkt der Geschichte seines Opas ein zweites Leben. "Jeden Morgen lief ich über den großen Platz zur Schule ..." Und da löst sich oben an der Statue ein Engel - unsichtbar für den Opa wie für den Enkel - und folgt dem jungen Opa, begleitet ihn durchs Jahrhundertleben, erzählt die wahre Geschichte noch einmal, wie sie war (und es doch keiner sehen konnte).

Cool marschiert Klein-Opa an den wildesten Gänsen vorbei (und der Engel verschließt ihnen den Schnabel), er fällt vom höchsten Baum (und der Engel düst heran), springt in den tiefsten See (und der Engel taucht hinab), trotzt dem größten Hund (und der Engel droht). Doch Engel sind fürs ganze Leben. Als der Pimpf dem SA-Mann die Zunge rausstreckt, lenkt den ein himmlischer Odem ab, als es den Soldaten im Schützengraben nebenan trifft, umarmt ihn sein Engel. Doch manchmal sind auch Engel hilflos. Dann erschrecken sie, sind erschöpft und schlafen ein, werden dürr und faltig in entbehrungsreichen Nachkriegszeiten. Auch Engel weinen.

Viele Bilderbücher sind so lieb und kuschelig, dass sie den Bauch des Kindes wie des Vor- und Mitlesers wärmen. Aber ein Hauch von schlechtem (Kunst-)Gewissen bleibt da schon, zielen die Illustrationen doch zu sehr aufs Bewährte, Kulleräugige und Wuschelige. Und dann liest man da die anderen, die Gewagten, die Großflächigen voller Innovationslust, deren Moral, besser Message okay ist, die oft nur dem Kopf gefallen und nicht dem Herzen. Jutta Bauer verbindet beides: Sie hat sich nach ihren Erfolgsbilderbüchern, den Szeneschmunzlern Juli und ... zu den Bildfantasien von Die Königin der Farben und Schreimutter freigezeichnet und ist jetzt zum Alltag zurückgekehrt, den sie in den weiten Raum ihrer Vorgänger setzt. Souverän zeichnet sie ihre kleinen aquarellierten Lebensbilder, Sempé-verloren und doch behütet, stehen die Menschen in der großen Welt. Es geschieht selten bei einem Bilderbuch, dass man am Ende tief gerührt schlucken muss.

Darin besteht die Kunst der Engel, das Kindervertrauen mit der Erwachsenenverlorenheit zu versöhnen, jenes Urvertrauen zu verkörpern, ohne das jeder Schritt der letzte sein könnte. Es ist die Kunst der Jutta Bauer, Engel wieder als Menschen zu zeichnen, mit einem Pflaster auf der Nase, ein bisschen sentimental, sympathisch ungerecht und parteiisch und manchmal etwas naiv.

"Ich hatte viel Glück", meint der Opa und schließt lächelnd die Augen, als der Junge das Zimmer verlässt. "Draußen war es noch hell und warm. Was für ein schöner Tag es war", denkt der Enkel, als er über den großen Platz geht und einen Stein in die Luft kickt. Der Engel ist ihm gefolgt, lächelt versonnen und liebevoll seiner neuen Aufgabe nach. Der Stein fliegt in großem Bogen. Noch ahnt der Engel nicht, was da auf ihn zukommt.

LUCHS 176 wurde von Amelie Fried, Hilde Elisabeth Menzel, Jens Thiele und Konrad Heidkamp ausgewählt. Am 6. September, 14.05 Uhr, stellt Radio Bremen 2 - Funkhaus Europa seinen Hörern das Bilderbuch Opas Engel vor (Redaktion: Marion Gerhard). Das Gespräch mit dem Rezensenten ist wie gewohnt im Internet abrufbar (siehe externe Links)