Die sich plötzlich wieder neu stellt. Denn der wichtigste Zeuge hat seine Aussage geändert. Als Ende 1999 bei der Tagung der Welthandelsorganisation WTO in Seattle die Anti-globalisierungsproteste begannen, da hatten die Zentralbanker und Konzernlenker dieser Welt einen mächtigen Verbündeten: die Wirklichkeit. Die Weltwirtschaft boomte, in Amerika ging der Aufschwung in sein achtes Jahr. Der Dow-Jones-Index durchstieß erstmals die Marke von 10 000 Punkten, in Deutschland machte plötzlich nicht mehr Lotto die meisten Millionäre, sondern der Neue Markt. Ein Experte nach dem anderen verkündete das Ende des Konjunkturzyklus, die Abschaffung der Krise. Und hatten sie nicht Recht? Im Jahr 2000 wuchs die Weltwirtschaft um 4,8 Prozent, stärker als je zuvor in 16 Jahren. Der neue, globale, deregulierte Kapitalismus - er schien nicht nur schneller und effizienter zu sein, sondern auch besser. Wohlstandsfördernder.

Neun Monate später hat die Wirklichkeit die Seiten gewechselt. "Erstmals seit 25 Jahren beobachten wir eine gleichzeitige rasante Talfahrt aller großen Volkswirtschaften rund um den Globus", sagt Robert Hormats, Vizepräsident der Investmentbank Goldman Sachs. Der neue, globale, deregulierte Kapitalismus erlebt seine erste große Krise.

In Amerika wuchs die Wirtschaft im zweiten Quartal um dürftige 0,2 Prozent. Allein im verarbeitenden Gewerbe gingen in den vergangenen zwölf Monaten 800 000 Jobs verloren. Die Zahl der Arbeitslosen stieg auf 3,2 Millionen - wenig, verglichen mit manchen europäischen Ländern, aber in den USA so viel wie seit 1992 nicht mehr. Die Löhne stagnieren, die Einkommensunterschiede wachsen. Seit Ende 2000 gibt es für drei von vier amerikanischen Angestellten keine Lohnzuwächse mehr. Gleichzeitig bauen die Unternehmen Überstunden ab. Ein Automobilarbeiter in Detroit verliert allein dadurch zwischen 10 000 und 20 000 Dollar im Jahr.

In Deutschland wuchs die Wirtschaft im zweiten Quartal dieses Jahres überhaupt nicht mehr. Seit Januar hat die Zahl der Arbeitslosen saisonbereinigt um rund 100 000 zugenommen. Allein bis Juli meldeten 14 500 Unternehmen Konkurs an, zehn Prozent mehr als im ersten Halbjahr 2000. Die Tariflöhne stiegen zwar um rund zwei, die Preise aber um fast drei Prozent. Wer hoffte, den Einkommensverlust durch Aktiengewinne auszugleichen, wurde enttäuscht. Anfang der Woche fiel der Neue Markt erstmals unter 1000 Punkte. Nach einer Forsa-Umfrage für den stern hat der durchschnittliche Kleinanleger an der Börse nicht gewonnen, sondern verloren. Rund 12 000 Mark.

In Japan ist die Wirtschaft im ersten Quartal 2001 sogar geschrumpft, vermuten Experten, genaue Zahlen werden nächste Woche bekannt. Die Arbeitslosenquote stieg auf fünf Prozent. So viele Menschen ohne Job hat es dort seit 1953 nicht gegeben (siehe Seite 22). Auch die übrige ostasiatische Wirtschaft außerhalb Chinas sackt zusammen. Mexiko steckt tief in der Rezession, Argentinien in einer Finanzkrise. Dort haben manche Arbeitslose schon zu den Waffen gegriffen. Wohlstandsfördernde globale Marktwirtschaft?

Die Krise könnte länger anhalten - und viel schlimmer werden als erwartet. Ihren Ausgang nahm sie dort, wo die Globalisierung begann: "Was wir unterschätzten, ist die Dauer und Intensität, mit der sich die Wirtschaftsaktivität in den USA verlangsamt hat", räumte der Chef der Europäischen Zentralbank, Wim Duisenberg, vergangene Woche ein. Das amerikanische Rezessionsvirus hat den ganzen Globus infiziert. Seit 1996 hatten die Vereinigten Staaten nicht weniger als 40 Prozent des weltweiten Wachstums erwirtschaftet, schätzt Stephen Roach, Chefökonom der Investmentbank Morgan Stanley - entweder im eigenen Land oder durch Importe aus Übersee, die sich in den neunziger Jahren verdoppelten. Dieses Wachstum bleibt jetzt aus, aber das ökonomische Schicksal der Welt hängt weiter an den Amerikanern.

Genauer gesagt, hängt es an den amerikanischen Arbeitern und Angestellten, deren Löhne stagnieren und deren Aktien im Minus stehen. Bisher hat sie das wenig beeindruckt. Sie haben weiter kräftig eingekauft und damit die Wirtschaft vor einem noch tieferen Fall bewahrt. Das könnte sich nun ändern. "Es ist wahrscheinlicher, dass sich die Lage in den USA verschlechtert, als dass sie sich verbessert", sagt der Amerikaexperte Ullrich Heilemann vom Rheinisch-Westfälischen Institut für Wirtschaftsforschung. Der vom New Yorker Conference Board veröffentlichte Index des Verbrauchervertrauens zeigt wieder abwärts. Gleichzeitig nimmt die Sparneigung der Amerikaner wieder zu. Der Konsum, die letzte Stütze der US-Konjunktur, könnte also einbrechen, die ohnehin niedrigen Börsenkurse mitreißen, schließlich auch den Dollar und den an die US-Währung gekoppelten argentinischen Peso - und danach die Währungen anderer Schwellenländer. Auch in Deutschland bräche dann wohl die überraschend starke Verbrauchernachfrage ein (siehe Seite 20), in anderen Ländern sowieso. Die jetzige Krise wäre harmlos gegen das, was dann käme: weltweite Massenarbeitslosigkeit, Verteilungskämpfe, neue Armut.