Als Albert Camus seine Version des Mythos von Sisyphos erzählte, gab er ihr am Schluss eine überraschende Pointe: "Wir müssen uns Sisyphos als einen glücklichen Menschen vorstellen." Überraschend ist der Satz deswegen, weil Sisyphos eigentlich ein tragischer Heros aus der Schar der ewig Gepeinigten ist wie Tantalus, Ixion, Prometheus, verdammt zur ewigen Wiederkehr des fatal Gleichen. Aber offenbar lebt es sich als Held des Absurden glücklicher.

Müssen wir uns auch den amerikanischen Milliardär, Ballonfahrer und Möchtegern-Erdumrunder Steve Fossett als einen glücklichen Menschen vorstellen? Als eine Art von Sisyphos jedenfalls. Seit Jahr und Tag wälzt er nun seinen Stein himmelan, immer wieder vergeblich, gerade zum sechsten Mal.

Anders als Sisyphos hat Fossett es allerdings nicht wirklich auf die Vertikale abgesehen. In windgünstiger Höhe schlägt er die horizontale Richtung ein, um als Erster allein und ohne Unterbrechung die Erde in einem Ballon zu umrunden - vorausgesetzt, dass die Götter es so wollen! Doch die haben Fossetts Absichten bisher einen Riegel vorgeschoben. Als ob sie ihn, den großen Einzelnen, verhöhnen wollten, haben sie einem Konkurrentenduo - dem Schweizer Bertrand Piccard und dem Briten Brian Jones - die Umrundung leicht gemacht. Wollten sie Fossett damit etwas sagen? Ihn warnen vor der obsessiven Fixierung auf Ziel und Erfolg?

Die Philosophie, deren Lebensweisheit in ihren besten Stunden selbst den Windgöttern souffliert, antwortet mit einem klaren Ja. "Aussteigen!", empfiehlt sie Fossett und allen seinesgleichen, die unfähig sind, beizeiten ein Ende zu finden, das nicht der finale Crash sein muss. Ihr Held ist der unersättliche Doktor Faust, der es mit seinem penetranten Streben nie unter dem Höchsten und Ganzen tut und sich selbst im greisen Alter noch unablässig als Aktivist tummelt. Von dem Philosophen des Marionettentheaters, dem unglückseligen Heinrich von Kleist, haben die Fausts und Fossetts nur mitbekommen, dass sie den ganzen Erdball umrunden müssen, um von hinten wieder ins verlorene Paradies zu finden.

"Wahn, Wahn, alles ist Wahn", sagt treffend der Prediger Salomo, auch wenn er etwas zu sehr lamentiert. Die Philosophen der Antike haben nicht umsonst das Ansichhalten, das Abstandnehmen empfohlen, bei Strafe des freien Falls, wie bei Ikaros und den Atomen. Gracián setzt auf das Desengagement und der Frankfurter Weise Arthur Schopenhauer darauf, dass der obsessive Wille sich wende, der - uneinsichtig, wie er ist - auf das "Immer mehr! Immer weiter! Immer höher!" fixiert ist.

Sie alle geben die schönsten Ausstiegshilfen. Aber gerade das wird Steve Fossett absurd vorkommen. Zweifellos wird er auch einen siebenten Versuch unternehmen. Doch was macht er, wenn er erfolgreich sein sollte, dann am Ziel, das bei Globusumrundungen nun einmal mit dem Ausgangspunkt identisch ist?

Für diesen schlimmsten aller Fälle, den Super-GAU der Rekordsucht, die an kein Ende kommen darf, erinnern wir ausnahmsweise an die bürgerliche Lebensweisheit unserer Eltern und Erzieher: "Aufhören, wenn's am schönsten ist!" (Wobei es zugegebenermaßen schwer zu erkennen ist, wann es am schönsten ist und ob nicht noch etwas Schöneres kommt.)