Der Philosoph Proklos lebte zu einer Zeit, in der es nirgends mehr Raum gab für Götter. Eines Nachts hörte er es klopfen an seiner Hütte unterhalb der Akropolis. Er stand auf und sah auf der Schwelle Athene in glänzender Rüstung stehen. Sie sagte: Ich werde überall verjagt. Ich bin gekommen, um hinter deiner Stirn Zuflucht zu suchen.

Natürlich war das Hirn des Neuplatonikers nicht ganz so geräumig wie der Schädel des Zeus, dem sie einst entsprang. Die Götter überleben nicht hinter den Stirnen der Menschen. Aber sie stiften dort Theologie. Und sie werden bewegt und bewahrt im langen Gedächtnis der Kommentare.

In einer sehr viel späteren, für das Höchste wiederum kritischen Zeit fand diesmal der christliche Offenbarungsglaube Asyl hinter der mächtigen Stirn des einsamen Bibliothekars Gotthold Ephraim Lessing. Das Raumschaffende für den Glauben dort (gegenüber seinen damaligen Verfolgern, den Freigeistern, Deisten und Spinozisten) war nun auf einmal die menschliche Geschichte selbst. Diesem durch alle Versuchungen der Vernunft beharrlichen Protestanten bildete sich nämlich der Gedanke, dass die geoffenbarte Wahrheit der Religion nicht bereits im orthodoxen Besitz des Menschen stünde, sondern ihm vielmehr als eine Art Endziel vorgestellt sei, "gleichsam das Facit", so Lessing, "welches der Rechenmeister seinen Schülern voraus sagt". Ein Lichtreich, zu dem hin sich seine Vernunft in langwierigem Fortschritt über die Jahrhunderte hin entwickeln werde.

Der Mann, den wir für den unabhängigsten Geist seiner Epoche ansehen, hat sein Lebtag mit dem Unglaublichen des Glaubens gerungen und dabei seinen Verstand, wie er sagte, immer aufs Neue an ihm "gewetzt". Aufklärung blieb für ihn ein Erbe der Offenbarungsreligion. Göttliche Verheißung und menschliche Vernunftwahrheit, wie er sie nannte, bewegten sich aufeinander zu in einer Sphäre gemeinsamer, wenn auch ungleich starker Helligkeit. Und so hätte er auch sagen können: Ich denke, also glaube ich.

Lessings "Aggiornamento", sein Bestreben, die christliche Heilsbotschaft dem Zeitalter der Fortschrittsideen anzupassen, führte zwangsläufig über Hilfskonstruktionen der Moraltheologie und Geschichtsphilosophie. Für die Erziehung des Menschengeschlechts, deren Entwurf er in hundert Paragrafen während seines letzten Lebensjahrs niederlegt, hat die Zweckmäßigkeit der Religion eine stärkere Bedeutung als ihre Metaphysik. Das "neue ewige Evangelium", das er uns prophezeit, erfüllt sich dereinst in der sittlichen Vollkommenheit des Menschen, der dann der Erlösung im Grunde nicht mehr bedarf - und auch der beiden Teile der Heiligen Schrift nicht mehr.

Hier streift Lessings Theologie die Grenze zur weltlichen Heilslehre, hier wird er bei falscher Auslegung zum Wegbereiter jener Glaubenssurrogate, die man später Ideologien nennt. Es gehört zu unseren gesinnungskritischen Gemeinplätzen, darauf hinzuweisen, dass religiös motivierte Vollkommenheitsfantasien die Tendenz haben, zu politischem Unheil zu führen. Man kann auch sagen: Heilsgewissheit, welche der Kontrolle durch ein unbekanntes und zu fürchtendes Jenseits entbehrt, hat im schlimmsten der uns bekannten Fälle mit Staatsterror geendet, im glimpflichsten mit dem tiefen Ungenügen einer moralischen Selbstverwaltung, mit der wir uns heute herumschlagen.

Aber was kümmert uns der fragwürdige Eschatologe, wo wir doch den sicheren Gutmenschen Lessing in unserem Bildungsbesitz haben? Diesen Autor, der in den Augen seiner Nachwelt immer Recht hat, auch wenn er noch so schäbig und überheblich seine literarischen und theologischen Gegner traktierte. Er steht nun einmal für das Gute und Korrektgesinnte in der deutschen Geistesgeschichte, für Liberalität, Toleranz und Emanzipation. Und als solcher bleibt er für alle Zeit Pflichtlektüre im Deutschunterricht, nicht selten mit der unbeabsichtigten Nebenwirkung, dass mancher Schüler, gerade durch ihn, Lessing, das Wort Literatur zeitlebens mit einem unguten Pflichtgefühl verbindet. Oder dass er, gerade durch ihn, von Literatur nur so viel in Erinnerung behält, dass sie "Inhalte transportiert" und Stoff für Debatten liefert. Ein Autor schließlich, bei dem jeder eine moralische Sentenz leihen kann, ohne befürchten zu müssen, wie bei Goethe oder Nietzsche, dass jemand ihm mit einem Ausspruch des "anderen Lessing" in die Parade fährt.