Generalbundesanwalt Kay Nehm, berichtet die Mitteldeutsche Zeitung, sehe in der Leuna-Affäre keinen Grund für zentrale Ermittlungen seiner Behörde. Provisionen von fünf Prozent, wird Nehm zitiert, seien in der Weltwirtschaft üblich. Und die Süddeutsche Zeitung schreibt: Die Karlsruher Ermittler hätten nach einer ersten Sichtung der Unterlagen keinen Hinweis auf eine Bestechung deutscher Politiker gefunden. 60 prall gefüllte Bände nebst Anlagen, zusammen 120 Ordner, hatte der Genfer Generalstaatsanwalt Bernard Bertossa nach Deutschland geschickt, nachdem sich endlich ein Adressat gefunden hatte.

Nichts gewesen? Grundlos nach Aufklärung gerufen? Hat Bernard Bertossa den Mund zu voll genommen, als er behauptete, es gäbe "genügend Verdachtsmomente, die Ermittlungen rechtfertigen"? Hat er jedes Maß verloren, als er seinen deutschen Kollegen ins Gewissen redete: "Eine demokratische Strafverfolgungsbehörde muss dann einfach handeln. Andernfalls bleibt nur der Schluss, dass gewisse Delikte wie Korruption in Deutschland nicht verfolgt werden"?

Die Akte Leuna kann noch lange nicht geschlossen werden. Kay Nehm hätte besser geschwiegen. Zur Erinnerung: 256 Millionen Franc zahlte der französische Ölkonzern Elf-Aquitaine an die Makler Pierre Lethier und Dieter Holzer - und zwar zu einem Zeitpunkt, als das Leuna-Geschäft schon in trockenen Tüchern war. Das meiste Geld blieb nicht bei ihnen, sondern nahm verschlungene Wege, die der Staatsanwalt Bertossa zum Teil auf einer "Tapete" nachgezeichnet hat (ZEIT Nr. 28/01). Niemand behauptet, die Genfer Unterlagen selbst seien schon der Beweis für Schmiergeldzahlungen. Doch finden sich dort viele kleine Hinweise, wo man dem Bestechungsverdacht weiter nachspüren könnte.

Der Fall Leuna ist ein großes Puzzle, dessen Teile an vielen Orten zusammengetragen werden müssen: bei den Staatsanwälten in Saarbrücken, Luxemburg, Paris, Liechtenstein und Genf. Beim Bundeskriminalamt in Wiesbaden, wo Geldwäscheexperten mit der Sache befasst waren. In Berlin und dort, wo der ehemalige Bundeskanzler Helmut Kohl und sein Amtschef Friedrich Bohl ihre Akten hingeschafft haben. Denn seltsamerweise, das hat "Sonderermittler" Burkhard Hirsch festgestellt, weisen die Leuna-Dokumente immer dann riesige Lücken auf, wenn es interessant wird. 300 Ordner besaß allein Helmut Kohl, die alle weg sind. Sein Fahrer "Ecki" hat das Fahrtenbuch vernichtet, damit niemand mehr verfolgen kann, wohin der Exkanzler fuhr.

Niemand wird es überraschen, wenn der Generalbundesanwalt die Genfer Unterlagen weiterreicht. Er selbst kann ohnehin nur bei organisierter Kriminalität ermitteln. Aber statt voreilig abzuwiegeln, sollte er schnellstens eine deutsche Staatsanwaltschaft ausfindig machen, die sämtlichen Spuren akribisch nachgeht und alle offenen Fragen klärt. Vorher darf niemand ruhen.