Raines hat schon mit Gouverneuren und Senatoren gefischt, und von nun an wird der Junge aus dem Süden als Angelpartner begehrter sein denn je: An diesem Donnerstag, dem 6. September, tritt Howell Raines offiziell seine Stelle als neuer Chefredakteur der New York Times an. Er leitet damit die einflussreichste Zeitung der USA und - wie viele sagen - der ganzen Welt. Raines gilt als ausgezeichneter Schreiber und Journalist mit glasklarem Verstand. Er gilt aber auch als Günstling des Herausgebers Arthur Sulzberger jr., als jemand, der die Nähe zur Macht liebt und nur allzu deutlich zeigt, wen er mag und wen nicht. Die Zeitschrift Vanity Fair bezeichnete ihn unlängst als den "umstrittensten Namen" im Impressum der New York Times.

Geboren wurde Raines 1943 im Bundesstaat Alabama. Sein Vater arbeitete in der Holzindustrie. Oft soll sich der Sohn, wie Freunde später sagten, über seine provinziellen Verwandten beschwert haben. Raines studierte Englisch und arbeitete wechselweise als Lokalberichterstatter, Filmkritiker und politischer Redakteur. Später ging er zu einer Lokalzeitung nach Florida. 1977 veröffentlichte er die Erinnerungen My Soul Is Rested, aus denen er bis heute gern zitiert. Raines beschreibt darin sein Unbehagen darüber, dass er all die Jahre in Alabama die dortigen Missstände nicht bemerkt habe, und greift im gleichen Atemzug Nachbarn an, die mit dem Ku-Klux-Klan sympathisierten. Als "clevere PR" bezeichnet Steve Rendall, Direktor der New Yorker Media Watch Group Fairness and Accuracy in Reporting (Fair), das Buch. Raines habe sich durch das Buch den Ruf des liberalen Südstaatlers sichern können - in der Ära Jimmy Carter ein begehrtes Attribut.

Der New York Times jedenfalls gefiel Raines' angriffslustiger Stil. 1978 wurde er im Büro der Zeitung in Atlanta angestellt und 1981 nach Washington versetzt. Dort begann sich Raines nach zwei Jahren allerdings zu langweilen. Es sei deprimierend, schrieb er einmal, "sich jeden Morgen ins Weiße Haus zu schleppen", um eine Arbeit zu verrichten, "die wie Stenografie erschien". 1985 wurde Raines stellvertretender Büroleiter, und als ein Jahr später die Stelle des Büroleiters frei wurde, war sich Raines einer Beförderung sicher. Der damalige Chefredakteur Max Frankel schickte ihn stattdessen jedoch als Korrespondent nach London, erst knapp zwei Jahre später bekam Raines die Wunschstelle in Washington. Als "aufbrausende Diva", als "überheblich und arrogant" wurde der neue Büroleiter damals in Medienberichten beschrieben, als jemand, dem die Macht zu Kopf gestiegen sei. Einige Journalisten im Büro kündigten.

Raines profilierte sich als wortgewaltiger Kolumnist

Ein Glücksfall für Raines' weiteren Aufstieg war schließlich eine Veränderung ganz oben an der Spitze der New York Times: Im Januar 1992 reichte Arthur Ochs Sulzberger seinen Posten als Herausgeber und Verleger des Familienunternehmens an seinen Sohn Arthur Sulzberger jr. weiter. Nach dem Machtwechsel allerdings wollten die Gerüchte nicht verstummen, der erst 40 Jahre alte Junior sei für den Posten nicht hart genug. Raines indes nutzte den Wandel, um sich weiter zu profilieren. Er bat den jungen Sulzberger, so heißt es, Kolumnen schreiben zu dürfen. Und schon im Januar 1993 machte dieser ihn zum Leiter der beiden Kommentarseiten. Postwendend füllten sich die Leitartikel mit starken Worten. Sulzberger und Raines freundeten sich an, und keiner, der die New York Times von da an nicht ernst genug nahm, entkam den Attacken des Kommentar-Chefs. Bob Dole wurde als "charakterloser Mitläufer" bezeichnet, der vor Nixon "gekrochen" sei. Präsidentschaftskandidat Ross Perot wurde zur "Ölschlange" und der ehemalige Verteidigungsminister Robert McNamara für seine Mitverantwortung am Vietnamkrieg noch einmal "verdammt". Die größte Schelte bekam jedoch Bill Clinton. Raines nannte den Präsidenten einen "schmutzigen Lügner", eine "Schande für die Nation", "den größten Ehebrecher unter dem Herrn".

Schon einmal in der Geschichte der New York Times war einem jungen Herausgeber mangelnde Führungsstärke vorgeworfen worden, und schon einmal hatte das Blatt danach wortgewaltig Stärke gezeigt: Als Arthur Ochs Sulzberger 1963, nach dem frühen Tod des Vorgängers, die Zeitung übernommen hatte, war er ebenfalls in die Schusslinie geraten. Er wandte sich, ähnlich wie später auch sein Sohn, hilfesuchend an die schillerndste Figur im Unternehmen, an A. M. Rosenthal, den leitenden Redakteur der Lokalseiten. Rosenthal wurde zur rechten Hand Sulzbergers und bald zum Chefredakteur. An Rosenthals "Herrschaft mit der eisernen Faust", wie Rosenthal einmal stolz formulierte, denken Times-Veteranen heute noch mit Schrecken.

"Raines erinnert in vielem an Rosenthal", sagt John Hess, der 34 Jahre lang als Korrespondent und Nachrichtenmann bei der New York Times arbeitete und heute angesehener Autor und Radiokommentator zu Medienthemen ist. "Beide sind ganz ausgezeichnete Schreiber und schlaue Köpfe. Als Raines die Kommentarseiten übernahm, hatte ich große Erwartungen. Dann hat sich aber gezeigt, dass Raines, genau wie Rosenthal, nicht unvoreingenommen ist, sondern Themen und Mitarbeiter favorisiert, die ihm helfen, Präsenz zu zeigen." Raines sei liberal, wenn es um Themen wie Rassenfragen oder Gleichberechtigung gehe. Bei wichtigen Fragen zur US-Wirtschaft oder zur amerikanischen Außenpolitik - also Fragen, deren "falsche" Behandlung die engen Verflechtungen der Zeitung mit den Machtzentren im Land gefährden könnte -, bei solchen Themen jedoch sei Raines, so Hess, "immer konservativer geworden".