Jeden Montag um 19 Uhr startet in Brüssel ein Bus, der von Belgien bis zum Bug durchrollt. Jeden Freitag um 7 Uhr fährt vom Bug der Gegenbus ab, jeweils fast 1600 Kilometer. In den Bussen sitzen mehr Frauen als Männer. Es sind femmes de menage, Hausgehilfinnen im Dienste gut situierter Brüsseler Familien und Zimmermädchen größerer Hotels. Sie alle kommen aus einer polnischen Stadt, Siemiatycze.

Siemiatycze mit 16 000 Einwohnern ist schon lange Servicestation Brüssels. Sie liegt am Ostrand Polens, der eigentlich mehr Aufmerksamkeit verdiente als Polens Westgrenze. Dieser Armutsgürtel bildet künftig die längste Außengrenze der EU. Sie wird vom Frischen Haff bis zu den galizischen Bergen reichen. Siemiatycze ist dank seiner frühen Brüsseler Connection aus dem Elend ringsum aufgestiegen.

Der Ort hat die höchsten Preise für Bauland und mit sieben Prozent die niedrigste Arbeitslosenquote aller östlichen Städte. Den ersten Putzkolonnen sind längst auch die Männer nach Brüssel gefolgt. Sie arbeiten auf Baustellen und als Forstgehilfen, als Maler oder Polsterer. In Siemiatycze ist das "Brüsseler" Viertel der Spitzenverdiener hochgeschossen, in dem jährlich 80 Neubauten hinzukommen.

"Eine neue Mauer"

Es begann mit der SolidarnoŽc. Oppositionelle Gewerkschafter hatten zu Beginn der achtziger Jahre in Brüssel Zuflucht vor der Militärdiktatur des Generals Jaruzelski gefunden. Die Verbindungen waren unsicher, die Busfahrten Torturen. Die klapprigen Kisten aus Siemiatycze mussten stundenlang an den DDR-Grenzen warten. Heute ist die Transportfirma PKS das zweitgrößte Unternehmen der Stadt. Es hat zwölf Luxusbusse mit Klimaanlage.

Die Entfernung bleibt. Sie schafft Entfremdung. Das Wochenmagazin Polityka hat seine zwischen Bug und Brüssel pendelnden Landsleute im vergangenen Jahr als "gespaltene Persönlichkeiten" charakterisiert. In Brüssel schuften die polnischen Kleinstädter isoliert von urbaner Kultur, sie kleiden sich schlecht, ernähren sich von billigsten Produkten. Zu Hause treten viele wie Könige auf, mit stolzgeschwellter Brust. Die Kinder der Langzeitpendler, die bei Großmüttern, Tanten, Nachbarn aufwachsen, kommen häufig mit dem Gesetz in Konflikt.

Bürgermeister Stanis¬aw Waldemar Fleks versucht die Probleme nicht schönzureden: "Man kann nicht ohne Verluste in zwei Welten leben." Aber Fleks sieht auch positive Impulse: Die Mütter schicken ihre Kinder in zusätzliche Sprachkurse. Die Männer machen Läden oder Kleinunternehmen in den Nachbarorten auf. Ihre Familien haben Telefon, Handys, auch Internet-Anschlüsse.