Rudolf Scharpings Fall ist nur ein Symptom: Gegen den Trend erleben Zeitschriften mit Klatschgeschichten einen ungeahnten Aufschwung. Gazetten, aus denen dem Leser vor kurzem noch der Geruch von Mottenkugeln entgegenschlug, erleben ihren zweiten Frühling. Die Bunte wandelt sich vom welkenden Mauerblümchen in ein blühendes Kornfeld, in dem die Stars gern ein dunkles Geheimnis lüften. Der stern bremst mit Tratschgeschichten den Sinkflug der Auflage. "Ich", sagt Boris Becker im Spiegel, und die schnelle Nummer verkaufte sich blendend. Auch das Mischmagazin Max, das nach stern und Sternchen greift, hat ein Herz für Prominente und empfiehlt die tätige Nachahmung in eroticis. "Wie man's macht." Die Auflage steigt. Hat man die Stars so verschlissen wie Jenny Elvers, werden sie frisch erfunden. Blonde Unbekannte, die gestern noch über die Geschichte der Aktmalerei promovieren wollten, schlüpfen in eine Wanne mit Mousse au Chocolat - und fertig ist die Partymaus.

Der Leser, sagen die Redaktionen, verlangt danach, denn der Leser ist neugierig. Richtig ist, dass die Nachfrage nach privaten Geschichten und Skandalen in dem Maß gestiegen, wie das Interesse an öffentlicher Politik gesunken ist. Die Entpolitisierung von Politik geht Hand in Hand mit der Karriere von Promi-Magazinen, deren Neuaufstieg nicht zufällig in der längsten Stagnationsperiode der Republik begann, in der Ära Kohl. Im Übrigen lautet die alte Faustformel: Je unübersichtlicher die Verhältnisse, desto intimer die Berichterstattung. Von innen ist das stahlharte Gehäuse der Gesellschaft plakatiert: mit schönen Gesichtern und pikanten Geschichten.

Es wäre völlig sinnlos, danach zu forschen, welche Realität die Promi-Geschichten abbilden. Entscheidend ist vielmehr die Frage, welche Wirklichkeit sie erzeugen. Worauf soll die Neugier des Lesers neugierig sein? Welches Geheimnis muss dem Schweigen entrissen, welches Drama enthüllt werden? Welches Weltgefühl stimulieren Magazine, die vorgeben, nichts anderes zu tun, als die Welt der celebrities getreulich wiederzugeben?

Ob Bunte oder Gala, Neue Revue oder Max: Die Welt der People-Magazine ist eine geschlossene Anstalt, die von einem Ende der Welt bis zum anderen reicht. Doch liest man die Bulletins der Klatschreporter genauer, dann herrscht zwischen Palm Beach und Barbados aufgeregte Lethargie. Der Jetset dümpelt zwischen Ennui und Exzess, und die Sonne scheint, weil sie nicht anders kann. Das Fest ist aus, die Orgie vorüber. "Es kommt nicht darauf an, Spaß zu haben, sondern Spaß darzustellen", sagt ein deutsches "Partyluder" in Kampen auf Sylt. Auch der nächste Event bietet nur eine Überraschung, die niemanden überrascht. Die Zeit altert im Stillstand. Erwartungen gibt es, damit sie enttäuscht werden. "Natürlich war auch Prinz Albert da. Wieder mit seiner Dauer-Walkerin Tasha de Vasconcelos. Man hatte eigentlich eine neue Dame erwartet."

Wie mit der Dame, die im Kommen, aber noch nicht anwesend ist, so verhält es sich mit der Welt überhaupt. Wenn es ein unabweisbares Basisgefühl gibt, das die Glamour-Magazine in immer neuen Farben ausmalen, dann ist es das Gefühl, etwas sei zu Ende und gehe doch noch weiter. Die Gegenwart ist im Fluss und tritt doch auf der Stelle; sie geht in etwas über und bleibt doch dieselbe, wie beim Aktienkurs, bei dem die Grenzlinie zwischen Augenblickskrise und Zukunftserwartung einfach verschwindet. In dieser Übergangsgegenwart hat das Künftige immer schon begonnen, während das Vergangene noch vergeht. Wie der ARD-Börsenmärchenonkel vor der Tagesschau mixt die People-Geschichte deshalb Alarmismus mit Beruhigung: Es geht abwärts, aber schon wieder besser. Die Verhältnisse sind aus den Fugen, aber bald wieder normal. Auch das Unnormale wird bald normal sein.

Dass es in der Welt der Promi-Magazine heulendes Elend und strahlendes Glück, Sieg und Niederlage gibt: das ist nichts Neues. Neu ist aber das Muster, mit dem die People-Geschichten auf ihr Weltgefühl reagieren, neu ist der hysterische Normalismus, mit dem sie dem Leser die Hand auflegen, seine Seele kraulen und ihm die frohe Botschaft ins Ohr flüstern, bald habe die Überfahrt, das Auf und Ab der Übergangsgesellschaft ein Ende, und der goldene Hafen sei schon in Sicht.

Grundstürzend hat sich die Welt geändert, und doch bleibt sie, wie sie ist. Nicole Kidman, weiß die Bunte, "hat ihre Scheidung von Tom Cruise gut überstanden". Boris wird seine Barbara wieder lieben und der jähzornige Prinz aus Hannover keine Fotografen mehr blutig schlagen. Er tanzt schon wieder zärtlich mit seiner Frau. Hat Britney Spears eine neue Nase? Ja, sie hat, aber es wird sie nicht groß verändern. Madonna hat eine Krise, die keine ist. "Von wegen Heulkrampf und Ehekrach mit Macho-Mann Guy Ritchie: Beim trauten Spaziergang durch den Central Park sah Madonna mit Anhang schon wieder ganz entspannt aus." Auch Julia Roberts "setzt jetzt auf Veränderung", aber bleibt ganz die Alte. "Erst trennte sie sich von Benjamin Bratt, dann änderte sie ihren Look. Ihre Naturlocken sind nicht mehr braun, sondern honigblond, und sie trägt mehr Make-up." Und natürlich wird Mariah Carey ihren Zusammenbruch überleben und bald wieder singen "wie immer". "Ich weiß nicht, was mit meinem Leben los ist, und kann niemandem mehr vertrauen. Ich brauche Zeit für mich, aber niemand gibt sie mir", stammelte sie auf ihrer Website, aber das raffgierige Management hat diesen Hilferuf sofort gelöscht. "Sie war müde und hat nicht klar gedacht." Nun liegt Mariah Carey in den "Armen ihrer Mutter". Bald ist sie wieder ganz die Alte.