Und das ging so: In aller Regel stürzen Politiker nicht über den eigentlichen Skandal. Denn zum Skandal gehört, dass der Verursacher ihn nicht als solchen sieht; sonst wäre es ja auch nicht dazu gekommen. Und die politischen Lagergenossen scheuen kaum etwas mehr, als einen der ihren zu verstoßen. Da hofft man doch lieber auf die eigensinnige Sprengwirkung des Skandals - und auf das, was die Opposition daraus macht. Wie auch immer, auf diese Weise gewinnt der Schuldige erst einmal Zeit. Und die nutzt er zu seiner Verteidigung. Bei der macht er zumeist weitere, oft viel kleinere Fehler. Und wer macht schon keine kleinen Fehler? Aber was der große Ursprungsfehler nicht bewirkt, löst dann ein solcher kleiner Fehler aus: Nun ist der Mensch auf frischer Tat ertappt. Diejenigen, die ihn bisher mühselig verteidigen mussten, finden nun einen Grund oder Vorwand, ihn ohne den Vorwurf der Illoyalität fallen zu lassen, obwohl sie doch angeblich so lange und gerne hinter ihm gestanden waren ... und wären. So stürzte Filbinger über ein weiteres Todesurteil, sein Nachfolger Späth nicht etwa über einen freihändig finanzierten Fernflug (sondern über anzügliche Berichte über das private Geschehen am Zielort). So geht das weiter bis: Klimmt stürzte über ein Missgeschick bei der Selbstverteidigung.

Und nun Scharping: Alle hofften (bzw. natürlich: fürchteten), in der Liste seiner Flüge mit der "Scharping"-Airline werde sich ein Vorgang finden, der als Sollbruchstelle des Skandals funktionieren könnte - Sturz ohne Stürzer. Und so stürzten sich eben alle auf die Listen. Nun aber stehen sie bedröbbelt da. Denn sie haben sich offenbar auf einen Kampfplatz begeben, auf dem nichts zu gewinnen ist. Wenn man aber erst einmal einen falschen Flecken zur Hauptkampfstätte erklärt hat, findet man nach dem Hornberger Schießen nicht leicht auf anderes Terrain.

Ja, und nun können sie alle wieder überlegen, was sie mit auf dem Nebenkriegsschauplatz unverwundbaren Scharping anstellen sollen.

Das eigentliche Problem bleibt über alledem völlig unberührt und ungelöst: Weder die Regierung noch die Opposition haben derzeit eine finanzierbare Vorstellung von unserer Bündnis- und Verteidigungspolitik; und schon gar kein überzeugendes Personal zu deren Durchsetzung. Scharping ist nur ein Symptom, nicht die Ursache dieses Versagens. Und deswegen haben sie alle (und behalten sie vorerst) Scharping als den Verteidigungsminister, den sie verdient haben.

Kommentare und Anregungen sind herzlich willkommen: leicht@zeit.de