Nur eine kleine Frist noch, dann müssen wir auf der Höhe der Zeit sein. Dann werden die Scheunen bersten von der Bücherernte des Herbstes, die Messetische sich biegen, "oh!", wird die Kritik rufen und "ach!"; und die Büchermenschen werden, getreu der Devise der Moderne, dass das Neue dem Vergangenen den Schneid abkauft, lesend in die Neuheiten vertieft sein. Wie einst jener Mister Brownlow in Oliver Twist, der vor lauter Versunkenheit im Buchladen nicht merkte, wie ihm gleichzeitig Wertvolles abhanden kam. Die Neuen kommen, natürlich! Als wäre neu nur das eben gefertigte Buch, als bedeutete das Wort "neu" nicht zweierlei: "gerade entstanden", gewiss, aber eben auch "nicht abgenutzt, frisch". Noch eine kleine Frist also, keineswegs melancholisch, die Neuen im zweiten Wortsinn zu ehren. Die einem der Markt nicht ins Haus trägt.

Sondern etwa Fortuna: Als die Kisten mit den Neuerscheinungen schon zum Versand fertig gepackt waren, las im Zug ein Reisender ein Buch von vorgestern, die Abderiten von Christoph Martin Wieland, gut zweihundert Jahre alt, jenes gründlich groteske Panorama eines Staatswesens, das wegen des Prozesses um den Schatten eines Esels seine Existenz in Gefahr bringt. "Abdera ist allenthalben", ließ Wieland wissen, der das Buch "in einer Stunde des Unmuths" geschrieben hatte, um sich an einer Welt aus Unrat zu rächen, "und - wir sind gewissermaßen alle da zu Hause". Als der Reisende seinen Platz kurz verließ, zurückkehrte, war das alte Taschenbuch verschwunden. Der Mitreisende vom Platz gegenüber auch. Dem war das Buch offenbar gerade neu erschienen.

Oder der Zufall als Lieferant: Im Bus blieb ein Buch liegen, da war von einer Grabinschrift zu lesen, die hatte der zehnte Sohn auf seine Eltern verfasst: "Hier ruhen Josiah Franklin und Abiah, sein Weib. / Liebend lebten sie 59 Jahre in ehelicher Gemeinschaft beisammen und ohne Güter, / ohne ein gewinnreiches Gewerbe, / ... erzogen ehrbar dreizehn Kinder / und sieben Enkel. / Leser, dieses Beispiel ermuntere dich ..." Das stand in den Lebenserinnerungen Benjamin Franklins, Gründungsvater Amerikas, Erfinder der ersten öffentlichen Leihbibliothek ebendort, befasst mit einem Katalog von "Klugheitsregeln in gewöhnlichen Alltagsdingen" und Vertreter der Idee, dass ein Arbeitstag nicht nur mittags zu unterbrechen sei, sondern abends um sechs zu enden habe, damit Abstand einkehren könne, Zeit für Bildung bliebe, fürs Soziale, fürs Private. Eine Neuerscheinung, fürwahr, fertig gestellt in den Jahren 1789/90. Dagegen, Mister Franklin, der Tipp, kürzlich nebenbei im Gespräch aufgeschnappt: Arlie Hochschilds Studie The Time Bind erzählt, warum viele es an amerikanischen Arbeitsplätzen heimischer finden als zu Hause. Dies allerdings 1997.

Soll der Herbst kommen. Sollen die neuen Bücher den alten den Schneid abzukaufen versuchen. Räumt die Regale frei! Und lest euch fest, wenn ein Buch runterfällt, wie vorgestern das Treibhaus, Koeppen, zwar nicht neu, doch merkwürdig, wenn man es nach den Abderiten aufschlägt ...