Ein abwegiger Einfall, eine abstruse Eckermanniade. Dann wieder hoch komisch, beste Groteske. Und so bleibt man bis zum Ende der Lektüre her- und hingerissen. Es sind Notizen von Telefongesprächen mit Ernst Jandl, dem genialen Wiener Lyriker, aus den letzten Jahren seines Lebens, als er offensichtlich keine Werkausgaben-Supplementbände füllenden Briefe mehr schrieb, sondern lieber zum Telefonhörer griff. Notizen aus der Zeit vom 25. November 1996 bis zum 8. Juni 2000; am 9. Juni starb Jandl, kurz vor dem 75. Geburtstag. Aufgezeichnet und zu einer Art Tagebuch arrangiert hat sie Klaus Siblewski (Jahrgang 1950), der zwei Jahrzehnte Jandls Lektor beim Luchterhand Verlag war.

Ein etwas spukhaftes Bändchen. Die Texte, unterteilt in drei Kapitel oder Akte (Ein Hoch, Ein Tief, Ein Abschied), lesen sich wie eine Fortsetzung von Jandls erfolgreichstem Bühnenstück, der "Sprechoper" Aus der Fremde (1979), in der drei durchschnittlich verschlurfte Zeitgenossen ihren banalen Alltag nachspielen. Wobei, und das ist der umwerfend komische, geradezu kathartische Dreh dieser Galoschenoper, jeder ausschließlich in der dritten Person spricht und stets im Konjunktiv. So geht's auch hier zu, nur dass in Siblewskis Telefonszenen aus den Bühnenfiguren zunächst Menschen werden: Ernst Jandl eben und (in einer Nebenrolle) die Dichterin Friederike Mayröcker, Jandls Lebensgefährtin - bis sie sich im Laufe der Lektüre hier und da auf seltsame Weise wieder zurückverwandeln in Kunstfiguren. Ein bizarrer Effekt!

Wie im Stück geht es um Tagtägliches. Von dem üblichen Redaktions- respektive Lektoratskram ist viel die indirekte Rede, von Lesungen, Abrechnungen, Vereinbarungen, Buchideen und immer wieder von Zetteln, die verloren gegangen sind, von verwechselten Daten, dringenden Terminen, die Jandl mindestens in zwei Kalendern festhalten muss, von Briefen, die sich nicht mehr finden lassen, von heimlich "kopulierendem Papier", das die Unordnung auf dem Schreibtisch noch vermehrt, von Arztbesuchen dann, Krankenhaustagen, den Mühen des Alters, der Arbeit des Sterbens ("Wie das Sterben geschehe, ob sich daraus ein Gedicht machen lasse?").

Es ist eine seltsame, dem Jandl-Leser allerdings nicht ganz unbekannte Kippfigur, die Siblewski uns zeigt. Der geschäftige Großschriftsteller, der es sich aufs schärfste verbittet, mit einer Clownsnase abgebildet zu werden, und der selbstspöttische Melancholiker ("Eine Biographie habe er keine vorzuweisen"). Der ewige Hausmeister, den das angebliche Chaos in seiner Wohnung bedroht, und der stille Anarchist, der seine holde Freude daran hat. Der verbitterte Studienrat, der dem Lektor jedes Datum und jede Adresse zur exakten Überprüfung aufgibt, und der heitere Diogenes, der's in seiner Tonne gleich wieder vergessen hat. Ja, die Literatur, die Lesungen, Übersetzungen, das Dichtertum überhaupt! Was für eine bedeutsame Arbeit und was für ein Mumpitz. Streng mustert er die ihm zugesandten Buchfahnen - und scheint sich zugleich über den armen Lektor lustig zu machen: "Die erste Seite mit dem schönen Titel sei wunderbar, die zweite Seite in komplettem Weiß ebenfalls. Über die dritte Seite sage er nichts, obwohl es da viel zu sagen gäbe. Was denn mit ,Ernst Jandl' gemeint sei ..."

Was denn mit "Ernst Jandl" gemeint sei: So treibt, vorderhand den Umbruch bemeckernd, Siblewskis Jandl sein Spiel - mit dem Verschwinden, der Auflösung. So zieht sich ein leiser, leicht koketter existenzialistischer Hohn-Ton durch alle Geschäftigkeit, alle Sorge um Werk und Nachruhm. Und manchmal gelingt es Siblewski tatsächlich, seine Telefongespräche zu reinstem Jandl zu verdichten. Dann wird aus dem Menschen, dem Mann am anderen Ende der Leitung, wieder der Schachspieler als trinkende Uhr, dann lesen und hören wir wieder Jandls Jandl: "Es sei ihm unangenehm, aber er rufe an, um mich zu fragen, ob eine Postkarte von ihm bei mir eingetroffen sei. Er könne nämlich nicht mehr sicher sagen, ob er eine Postkarte an mich geschickt habe, und er wisse auch nicht mehr genau, was er mir geschrieben habe. Er nehme an, es sei um eine Lesung gegangen, aber er wisse einfach nicht mehr, ob er die Karte abgeschickt oder ob er mir etwas anderes geschrieben habe. Er müsse mich also bitten, ihm die Postkarte vorzulesen, sobald sie bei mir eingetroffen sei, und für den Fall, daß ich keine Postkarte von ihm erhielte, ihm auch das zu sagen. Ich solle es bitte nicht vergessen."

In der Tat: ein etwas geisterhaftes Buch. Klaus Siblewski, dem Medium, sei's gedankt.

Klaus Siblewski:Telefongespräche mit Ernst Jandl. SL 2018, Luchterhand Verlag, München 2001; 190 S., 18,50 DM