Der Bundesaußenminister Joschka Fischer hat sich auf der Antirassismuskonferenz in Durban für Deutschlands (Mit-)Schuld an der Sklaverei und am Kolonialismus entschuldigt. Noch 'ne Entschuldigung, wie sie derzeit fast zur Mode werden, etwas zerknirscht und ziemlich folgenlos? Tschuldigung? Wenn das so einfach wäre! Und wenn Fischer sich so simpel geäußert hätte.

Wie soll man mit Schuld umgehen - individuell und kollektiv? Persönlich und politisch? Moralisch und rechtlich? Geschichtlich und aktuell? Was kann und muss aus der Einsicht in Schuld folgen? Kann sie gar zum Verschwinden gebracht, also getilgt werden? Das sind Fragen, die mit dem historischen Abstand nicht etwa verblassen, sondern offenbar erst in aller Schärfe gestellt werden können: die Deutschen und ihre Vergangenheit, der Papst und sein Mea culpa, der Westen und die Weißen samt dem Rassismus und Kolonialismus.

Zur Rhetorik der Entschuldigung: Der Satz "Ich entschuldige mich bei Ihnen" ist im Grunde falsch. Man kann sich zwar entschulden, indem man seine Schulden zurückzahlt - aber niemand kann sich selber entschuldigen und damit seine Schuld selbsttätig tilgen. Man kann seine Schuld vor sich selber erkennen, vor anderen bekennen, und man kann den Verletzten um Entschuldigung bitten. Aber nicht einmal der Verletzte kann die Schuld ungeschehen machen. Er kann sie allenfalls vergeben und also sie dem Täter in ihren künftigen Beziehungen nicht mehr anrechnen. Schulden können sogar verjähren - Schuld kann das nicht. Der Umgang mit Schulden kann zur Vergangenheit werden, wenn sie nämlich beglichen sind - der Umgang mit Schuld hat zwar auch mit der Vergangenheit zu tun, aber er betrifft immer die Zukunft.

So weit zum Persönlichen. Im Kollektiv - und in der Politik - wird die Sache aber noch viel komplizierter. Schuld ist nämlich immer persönlich. Es gibt keine Kollektivschuld - und also auch keine Kollektiventschuldigung. Erst recht nicht, wenn die Untaten so lange zurückliegen, dass anstelle der Täter und Opfer deren Kinder und Kindeskinder die Zukunft zu gestalten haben. Vergebung kann im Grunde nur der Täter erbitten. Dies aber setzt seine Einsicht in die Schuld voraus, also die Reue. Wie können die Nachkommen der Täter um Vergebung bitten, wenn ihre Vorväter nichts bereut haben, sondern sich geradezu im Recht wähnten? Dies ist nicht etwa ein triviales Problem. Im Gegenteil. Dies war - neben den weniger überzeugenden kurialen Einwänden - eine der ernster zu nehmenden Schwierigkeiten, auf die Papst Johannes Paul II. stieß, als er sich vor über einem Jahr zur Schuldgeschichte seiner Kirche äußern wollte. Mea culpa - das heißt schließlich: meine Schuld.

Und schon sind wir mitten in der Politik, auch der deutschen. Wie hatte sich Helmut Kohl herumgedrückt, als er um Vergebung bat für (allenfalls) das, was den Opfern des Nationalsozialismus "im deutschen Namen" angetan worden war, als ob da jemand anstelle der Deutschen in Auftragsverwaltung tätig geworden wäre! Erst Bundespräsident Roman Herzog raffte sich - unmittelbar nach Amtsantritt - auf, bei seinem ersten Besuch in Polen zu sagen: "von Deutschen" - nicht von den, also nicht von allen Deutschen, das wäre wiederum kollektiv und also falsch gesprochen gewesen. Aber eben: von Deutschen.

Das bleibende Ungleichgewicht zwischen Tätern und Opfern, auch zwischen ihren Kindern und Kindeskindern - auch in der Politik. Selbst Bundespräsident Herzog, der nicht schuldig geworden war, konnte im Grunde nicht anstelle der reuelosen Täter um Vergebung bitten. Aber konnten die Nachkommen der Opfer sie gewähren? Die Erben der Täter bleiben ihren Vorfahren nicht in Schuld, aber in Scham verhaftet. Die Erben der Opfer hingegen bleiben ihren Ahnen in Schmerz verbunden - als immer noch Verletzte. Nur deshalb ist es möglich zu sagen: "Ich schäme mich der Taten meiner Vorfahren - und bitte Sie, die Nachkommen der Opfer, um Vergebung." So kann sie in der Tat gewährt werden. Doch dann stellt sich die Frage: Wie wird die Haftung der Erben für die Täter über das verbale Bekenntnis hinaus politisch konkret?

Von hier zu Joschka Fischer und seiner "Entschuldigung" auf der Antirassismuskonferenz in Durban, die sich im Lichte des Gesagten viel ernster ausnimmt, als es die oberflächliche Etikettierung vermuten lässt. Der Bundesaußenminister sagte nämlich im genauen Wortlaut Folgendes: "In vielen Teilen der Welt reicht der Schmerz über die bis heute nachwirkenden Folgen der Sklaverei und der Ausbeutung durch den Kolonialismus noch tief. Vergangenes Unrecht lässt sich nicht ungeschehen machen. Aber Schuld anzuerkennen, Verantwortung zu übernehmen und sich seiner historischen Verpflichtung zu stellen, kann den Opfern und ihren Nachkommen zumindest die ihnen geraubte Würde zurückgeben. Ich möchte dies deshalb hier und heute für die Bundesrepublik Deutschland tun."