Bulawayo

Sie hatten gehofft, dass die politischen Unbilden über ihren Weiler hinwegziehen würden, dass nach dem Sturm wieder Ruhe einkehren würde. Dass irgendwann der Albtraum vorbei sei und sie wieder ihrem Tagwerk, der Straußenzucht, nachgehen könnten, auf der Farm, die sie vor fünf Jahren gekauft hatten. Aber dann kam er doch, dieser unselige Tag, an dem Peter und Nan Goosen alles Hab und Gut gestohlen wurde. Es war der zweite Überfall des Mobs. Beim ersten Angriff am Vortag hatte der Rädelsführer gebrüllt: "Ich werde dir die Hoden abschneiden und sie mit Vergnügen kauen! Deine Frau werden wir vor deinen Augen vergewaltigen." Die Horde, 40 verwahrloste, zornige Kerle, aufgestachelt durch ihren Anführer, schrie: "Kill! Kill! Kill!" Die Eheleute stemmten sich mit der Kraft der Verzweifelten gegen die Tür ihres Büros.

Die Goosens kamen mit dem Leben davon. Aber ihr Anwesen unweit der Provinzstadt Bulawayo gehört nun auch zu den 1700 Farmen, die in Simbabwe im Verlauf der vergangenen 18 Monate okkupiert wurden. Die Besetzer nennen sich Kriegsveteranen, obwohl die meisten 1979, als der bewaffnete Kampf gegen die Kolonialherren endete, noch gar nicht geboren waren. Es sind junge Burschen, Arbeitslose zumeist, viele Mitläufer, aber auch Kriminelle, die das Lumpenmilitariat anführen und die Gunst der Stunde nutzen. Ihre Straftaten werden von der Regierung ermutigt, ja alimentiert; man nennt sie die "außerparlamentarische Sturmtruppe" des Präsidenten Robert Mugabe.

Die Funktionäre des Farmerverbandes reden von systematischen Vertreibungen der Weißen, von "ethnischen Säuberungen" gar, und sie vergessen dabei häufig, dass mit den Großgrundbesitzern auch Tausende und Abertausende von Farmarbeitern verjagt werden. Die Nachbarstaaten Südafrika und Botswana sollen sich bereits auf eine gewaltige Fluchtwelle vorbereiten. Mugabes Vize Joseph Msika versprüht das Gift des Rassenhasses: "Weiße", sagt er, "sind keine menschlichen Wesen." Gleichzeitig sendet Simbabwe eine Delegation zur UN-Konferenz nach Durban, um Entschädigungen für die Verbrechen des rassistischen Regimes der Rhodesier einzuklagen.

Staatschef Mugabe geht es nicht um das Land, sondern um die Macht. Der alte Mann kann sich ein Simbabwe, das von einem anderen regiert wird, nicht vorstellen. Er hatte schließlich an der Spitze des chimurenga gestanden, des Befreiungskampfes gegen die verhassten Siedler. Er war der erste demokratisch gewählte Präsident nach der Unabhängigkeit - er ist es bis heute geblieben. Am liebsten würde der 77-Jährige bis zum Ende seiner Tage fortregieren, mindestens jedoch noch eine Amtsperiode. Allein, die Wiederwahl im April 2002 dürfte nicht einfach sein, denn es gibt unterdessen einen gefährlichen Herausforderer: Morgan Tsvangirai, den populären Chef des Oppositionsbündnisses Movement for Democratic Chance. Er hat Mugabes regierender Einheitspartei Zimbabwe African National Union - Patriotic Front bei der Parlamentswahl im Vorjahr schon 58 von 120 Sitzen abgenommen.

Eine böse Schlappe, obwohl Mugabes Parteischläger die Konkurrenz mit Mord und Terror einschüchterten. Nun verschärft er die Gewaltkampagne, und sein wirksamstes Instrument sind die illegalen Farmbesetzungen. Wer Land verteilt, erhält Stimmen. Es ist das Land der Ahnen, das einst von Europäern geraubt oder unter zwielichtigen Umständen erworben wurde. Die besten Böden sind bis zum heutigen Tage in weißem Besitz.

Der chimurenga geht weiter. Nur dass sich diesmal nicht afrikanische Buschkämpfer und rhodesische Militärs gegenüberstehen, sondern eine friedfertige schwarze Opposition, mit der die weißen Farmer sympathisieren, und eine Staats- und Parteimaschinerie, die alle Waffen einsetzt: Armee und Polizei, den Geheimdienst CIO und, für gröbere Operationen, Milizen und selbst ernannte Veteranen, allesamt flankiert von der Propaganda der parteihörigen Massenmedien. Sie leisten gründliche Arbeit. Oppositionelle werden verschleppt, misshandelt, erschlagen. Richter des Obersten Gerichts, die Landbesetzungen für rechtswidrig erklärten, treten aus Angst um ihr Leben zurück. In der Druckerei der regimekritischen Tageszeitung Daily News explodieren zwei Bomben. Auslandskorrespondenten werden deportiert. Eine Todesliste mit den Namen Mark Chavunduka, Geoff Nyarota, Basildon Peta taucht auf - eine Auslese der mutigsten Journalisten des Landes.