Es ist schon so lange her, dass Bildung in unserer Gesellschaft über Kurswert verfügte, ja selbst die Zeit, in der die Bildung vom Sockel gestürzt und der öffentlichen Verachtung preisgegeben wurde, geht so weit ins vorige Jahrhundert zurück, dass niemand sich zu wundern scheint, wie sie mit einem Male über den Umweg des Fernsehens und seiner Rateshows zu Ansehen und Preiswürdigkeit zurückgekommen ist.

Das nächste und das entfernteste Wissen, Kenntnisse von Kaisern, Kabelbäumen und Konkubinen, Büchern, Bischöfen und Bastarden, wird plötzlich gefeiert und entlohnt, als sei niemals die ganze Sphäre denunziert und als Instrument bürgerlicher Repression behandelt, das heißt entsorgt worden. Jetzt ist sie wieder da und wird noch nicht einmal von Revisionsgeschrei begleitet. Dafür kann es nur eine Erklärung geben: Was da zu neuem Chic gelangt ist, wird als Bildung nicht mehr erkannt. Das Wort ist weg und mit ihm das Vorurteil. An seine Stelle ist das Stichwort "Intelligenz" getreten.

Intelligenz lässt sich als eine Art von Fitness in einer Art von Sport begreifen, und in dieser Analogie, im Wettbewerbsmäßigen der Rateshow, wurde wohl auch der Verdacht des Elitären entkräftet beziehungsweise hinreichend verdunkelt, sodass aus diesem Dunkel der chancengleiche Maßstab fairer Konkurrenz wieder mit ans Licht treten konnte, wir wollen damit sagen: Der Intelligenzquotient (IQ) ist wieder da. Vom Intelligenzquotienten handelt die Regenbogenpresse mit wachsender Begeisterung, und nur hartgesottene Pessimisten werden sagen, dass dies in der zeittypischen Begeisterung für alles Angeborene und Genetische liegt. Wir aber halten den IQ für eine echte Stütze der Gesellschaft, was man von der Intelligenz alleine, ohne Quotienten, nicht sagen kann. Intelligenz nur so für sich, ohne die institutionelle Einhegung in einen Wettbewerb, kann eher zu einer Bedrohung für die Gesellschaft werden, jedenfalls haftet ihr etwas Querulatorisches an. Diktatoren haben nicht ohne Grund die Intelligenz immer gefürchtet und weniger als individuellen Charakterzug gesehen denn als Merkmal einer Klasse, die sie nach diesem Merkmal denn auch kurzerhand bezeichneten. Die Intelligenz in dem Sinne ist eine struppige Bande, die es zu korrumpieren oder zu liquidieren gilt. Ermutigender verhält es sich mit dem IQ. Er tritt nicht naturwüchsig auf, sondern nur im Rahmen eines eigens konstruierten Tests. Er bezeichnet nicht die Kraft zum eigenen Urteil, sondern die Fähigkeit, einen solchen Test zu bestehen. So kann der IQ steigen mit der Geschicklichkeit im Sortieren geometrischer Figuren (das ist die traditionelle Methode) oder aber mit der Fähigkeit, Lexikonwissen abrufbar zu halten (das ist die Fernsehmethode).

Mit der früher so genannten Bildung hat diese Fähigkeit nur die Gegenstände gemein, also zum Beispiel gewisse Dichter, Daten und Denker. Im Kern handelt es sich aber eher um Disziplin, die hier geprüft wird, also das eigentlich Stützende einer jeden Gesellschaft. Das daran neue Freude empfunden wird, liegt vermutlich in der Dialektik der Spaßgesellschaft, die nämlich damit nicht an ihr Ende, sondern zu einer Überbietung ihrer selbst zu kommen trachtet. Spaßverzicht als Überspaß! Büffeln als Belohnung. Disziplin als Freizeit.

Oder etwa Freizeit als Disziplin? Das wäre freilich der dialektische Überkick, wenn hier die Spaßgesellschaft in die Bildungsgesellschaft umschlagen beziehungsweise zurückkippen würde. Denn der Bildungsgedanke, wir erinnern uns mühsam, beruhte einmal darauf, durch geistiges Training zu lustvoller Freizeiterfüllung zu gelangen, ganz ohne Geld und Gerät, nur durchs Memorieren von Homer und Tacitus.