OHNESORG:
Das ist eine komplexe Frage. Es fiel mehr auch ehrlich gesagt nicht leicht, das muss ich Ihnen ganz ehrlich sagen, denn ich hatte ja zunächst nur einen Zwei-Jahresvertrag, der sehr schnell allerdings in einen Fünf-Jahresvertrag umgewandelt wurde. Ich habe dann nach dem ersten Jahr, wo natürlich auch Einarbeitungszeit dabei war - ich musste natürlich wieder dazulernen und kennen lernen - habe ich dann eben sehr schnell entdeckt, es ist absolut notwendig, einen strategischen Plan für die Zukunft zu machen, um das Potential der Carnegie Hall besser auszuloten. Denn da gibt es natürlich viele tolle Konzerte, schon seit über hundert Jahren, aber es ist so, wie Pierre Boulez es immer sagt, ‚es ist so wie ein Restaurant, wo es nur immer ein Gericht gibt’. Eigentlich müsste man aber aus der Carnegie Hall erst einmal ein Haus der Musik machen, wo auch education, eben Erziehungsarbeit, eine große Rolle spielt, wo Information und Kommunikation eine große Rolle spielt, wo das Museum ein bisschen so tut, als ginge es da um die Kronjuwelen der Windsors, in echt aber oft nur Kopien...


Aber das hätte doch dafür gesprochen, dass Sie länger bleiben?


Ja, aber ich hätte dann länger als fünf Jahre bleiben müssen, das ist das andere Problem, weil absehbar war, dass der Fünf-Jahresplan in echt ein Acht- oder gar Zehn-Jahresplan war. Hören Sie, ich bin jetzt – ich kann es ja ganz freimütig sagen – ich bin jetzt 53, wenn Sie dann mit 63 noch einmal denken, doch wieder in Europa etwas zu machen – und ich bin schon ein Europäer und das wusste ich auch, als ich hingegangen bin, dass ich nie ganz Amerikaner werden würde -, dazu war es auch viel zu spät. Und es kommt natürlich auch noch dazu, dass – und das ist nichts als die reine Wahrheit - die Gründe für meine Entscheidung in Berlin liegen. Und es hat einfach mit Simon Rattle zu tun und es hat mit dem Orchester zu tun und es hatte auch mit dem Christoph Stölzl zu tun, der mich am ersten Amtstag, als er hier Senator wurde, schon angerufen hat und gesagt hat ‚Xaver, ich habe ein Ziel, ich will Dich nach Berlin holen, weil, ich denke, wir brauchen Dich hier. Und ich verspreche Dir auch die Stiftung, die Du damals gefordert hast.’ Ich meine, ich habe eine GmbH gefordert, aber das ist ja kein sehr großer Unterschied. Ich finde es einfach schade, dass der Christoph Stölzl nicht mehr Senator ist, nur weil er ein paar Monate lang ein Parteibuch gehabt hat, das tut mir natürlich irgendwo leid und vielen anderen übrigens auch. Der jetzige Regierende Bürgermeister Wowereit hat ja auch gesagt, er hätte ihn gerne behalten, aber natürlich in dieser Wahlauseinandersetzung kann man nicht mit einem CDU-Kultursenator leben.


Aber haben Sie es denn bereut, dass Sie zugesagt haben?


Nein, natürlich nicht, denn Christoph Stölzl hat das historische Verdienst, diese Stiftung auf den Weg gebracht zu haben. Er konnte es zwar dann nicht mehr im letzten Augenblick vollenden, weil die Sitzung, in der das passieren sollte, bereits die war mit dem Misstrauensvotum. Die jetzige Regierung kann sich immerhin zu Gute halten, dass sie es tatsächlich geschafft hat, diese Stiftung Wirklichkeit werden zu lassen und auch noch – das muss man auch dazu sagen – den Zuwendungsvertrag. Da geht es ja um die Subventionen für die nächsten vier Jahre. Den Zuwendungsvertrag im Parlament zu beschließen, das haben die dann eben auch so gemacht, dass wir nun damit auch leben können. Das ist zwar nur die Grundfinanzierung, aber mehr können Sie im Augenblick in Berlin auch nicht erwarten.


Jetzt haben Sie alles was Sie brauchen. Sie haben Simon Rattle als Chefdirigenten, Sie haben eine Stiftung, Sie haben auch Subventionen abgesichert, jetzt geht es also los. Nun wissen wir aber alle, dass die Institution Symphonieorchester im Moment – sagen wir das mal - im deutschen Kulturbetrieb insgesamt in einer schwierigen Situation ist. In den kleineren Städten geht es um die nackte Existenzfrage - brauchen wir das noch, wollen wir uns das noch leisten? - und auf der anderen Seite ist die Frage, was kann uns dieses Symphonieorchester jetzt in dem neuen Jahrhundert eigentlich noch sein. In dieser Philharmonie, dieser traditionsreiche sozusagen alte große Cello-Kasten, wo soll das jetzt hingehen?


Das ist natürlich die Kernfrage und auch die große Herausforderung für die Zukunft und ich glaube schon, dass die Berliner Philharmoniker, die ja nun wirklich einen guten und großen Namen haben, dass die Berliner Philharmoniker da eine ganz besondere Mission haben. Und die Mission heißt in meinem und auch sicher in Simon Rattles Verständnis, dass wir uns öffnen sollten.