Bereits als kleiner Bub, Picasso lebte noch, und es ging das Gerücht, er müsse nur den Pinsel auf die Leinwand schmeißen, und schon könne er das Bild für eine Million Mark verkaufen, malte ich mir aus, wie das wohl ist - mit geringstem Aufwand berühmt zu sein. "So soll es auch mit mir einmal werden", wünschte ich mir. Ich musste dann zwar entdecken, dass das Pinsel-auf-die-Leinwand-Schmeißen weit schwieriger war als geglaubt, aber im Großen und Ganzen erreichte ich mein Ziel.

Alles, was für mich vielleicht noch an Erfolgen kommen könnte, sind kleine Träumereien. Ich bin zufrieden, lebe in einem glücklichen Umfeld, mit meiner Familie, meiner Arbeit. Selbst wenn am Ende Hollywood riefe, wäre es für mich nicht mehr erstrebenswert. Ich glaube sogar, dass ich dort ganz schnell auf die Schnauze fallen könnte. Beispielsweise wenn ich einen blonden, blöd daherredenden Nazi mit Übergewicht spielen sollte. Obwohl: Eine Herausforderung wäre der dicke, dumme Nazi allemal. Eine Rolle, von der ich am Anfang gar nicht wüsste, wie ich sie spielen sollte, bei der ich an meine Grenzen gehen müsste. Solche Rollen sind wahre Traumrollen für mich.

Wäre der Politiker die Fortsetzung des Kabarettisten mit anderen Mitteln, könnte natürlich auch die Rolle des bayerischen Ministerpräsidenten spannend sein. Von der Statur her wäre ich dafür prädestiniert. Und in der bayerischen SPD kann man sehr schnell viel erreichen, wenn man nur ein großes Maul hat. Was natürlich auch für die CSU gilt. Doch sie befindet sich weit außerhalb meiner Traumwelt, mit ihr überschreiten wir meine Grenze vom Traum zum Albtraum. Aber nur zu - albträumen wir einmal: Als bayerischer Ministerpräsident würde ich eine Mischung aus Wolfgang Clement, Edmund Stoiber und Franz Josef Strauß abgeben. Ich würde also den Sachzwängen folgen, ich hätte eine Lobby im Kreuz. Vergessen wir nicht: Auch Gerhard Schröder war einmal ein linker Juso, was man längst nicht mehr merkt. Und Otto Schily, ehedem RAF-Anwalt, finden wir heute in der Ausländerpolitik auf Kanther-Kurs.

Es ist doch immer so, sobald die Opposition an die Regierung kommt: Die Ideale bleiben wegen so genannter Sachzwänge auf der Strecke. Der Sinn des Kabarettisten ist aber, unbelastet von Machbarkeiten und realen Notwendigkeiten, sich Gedanken zu machen, die ursprünglich als unerfüllbar galten: Weg mit der Kernkraft, saubere Energie, alle Menschen werden Brüder, Friede auf Erden. Das sind alles Träume. Insofern ist der Kabarettist, anders als der Ministerpräsident, bereits per se ein Träumer. Gleichzeitig weiß er natürlich um die donquichotte-hafte Aussichtslosigkeit seiner Träume. Wie geht er damit um? Er bedient sich des kleinsten gemeinsamen Nenners und denkt sich: Wenn ich nur schaffe, dass die Leute sich bei mir wohlfühlen und sich sagen: "Gott sei Dank, es ist noch einer da, der so denkt wie ich." Einer, der den Traum von Menschlichkeit träumt, von humaner Koexistenz, von verbrechensfreier Welt, den Traum von sauberer Umwelt, von lebenswerten Umständen auch für unsere Nachkommen. Diese Träume muss haben, wer nach meinem Kunstbegriff Kunst betreibt. Sonst ist man als kritischer Künstler fehl am Platz. Mir würde ohne solche Träume der Sinn meiner Arbeit fehlen. Andere mögen andere Definitionen des Künstlers haben. Ich meine jedoch: Als Mensch, der sich Gedanken macht über das, was ist, hat der Künstler eine aufklärerische Aufgabe.

Ich träume also davon, dass das Wort des Kabarettisten nicht nur gehört, sondern dass auch darüber nachgedacht wird. Wir Kabarettisten sind doch angetreten, im "Fass der Veränderung" der erste Tropfen zu sein. Oder auch jener letzte Tropfen, der das "Fass der Veränderung" zum Überlaufen bringt. Doch schnell wendet sich der Traum erneut zum Albtraum: Was wäre wohl, wenn ausgerechnet ich derjenige wäre, der den Funken der Revolution entfacht? Einer Revolution, in deren Folge vielleicht viele Ungerechtigkeiten geschehen? Sofort stellt sich für mich die ethische Frage: Hat man überhaupt das Recht, den Umsturz einzuleiten? Wer gibt die Garantie, dass das Richtige passiert und dass es auch das Rechte ist? Trotzdem: Es ist wichtig, dass Träume geträumt werden, dass Denken in Gang gesetzt wird. "Mens agitat molem - der Geist bewegt die Masse", sagt der Lateiner. Und jeder ist gefordert, seinen Beitrag zu leisten.

Neben dem aristotelischen Staunen ist das Träumen der Anfang aller Philosophie. Ach - was bin ich in Caféhäusern faul herumgesessen, habe Zeitung gelesen, habe dumm dreingeschaut, habe in den Tag geträumt, habe nichts getan. Schreibe ich jedoch heute an einem Kabarettprogramm, entdecke ich immer wieder Gedanken, die ich mir in dieser Zeit erträumt habe. Und heute? Wann und wo träumt der Ottfried Fischer, der doch vorhin behauptet hat, er würde gar nicht träumen? Im Urlaub beispielsweise. Dann gehe ich im Meer oder einem See jeden Tag auf eine ganze Stunde zum Schwimmen - Brustschwimmen mit Schwimmflossen. Das ist nicht so anstrengend wie Kraulen, dafür aber umso meditativer. Wenn ich dann meine Runden vor mich hin drehe, entdecke ich immer wieder aufs Neue die Wahrheit in dem romantischen Spontispruch: "Wer keinen Mut zum Träumen hat, hat auch keine Kraft zu kämpfen." Und kämpfen müssen wir.

Im Moment setze ich mich bei der "Plattform gegen Temelín" ein. Ich bin praktisch die Gallionsfigur dieser Bewegung gegen das tschechische Atomkraftwerk. Ich habe für sie eine Anzeigenkampagne gemacht: "Temelín bedroht auch Ihr Leben". Wenn man eine gewisse Popularität erreicht hat, ist man verpflichtet, diese für die so genannte gute Sache einzusetzen. Mein Traum ist, dass Temelín das Schicksal von Wackersdorf ereilt und es nie in Betrieb geht. Denn Temelín ist totaler Schrott. Ein täglich mögliches neues Tschernobyl direkt hinter der Grenze zu Tschechien, also direkt vor unserer Haustür.