Die Rinder gehören zur Villa Carl. Sie wurde vor dem Ersten Weltkrieg errichtet, von Richard Riemerschmid: im reinsten Jugendstil nicht nur das Landhaus für die Würzburger Verlegerfamilie Carl, sondern auch die dazugehörige bäuerliche Ökonomie, die Parkanlage. "Die Kühe waren für uns Töchter gedacht, damit wir nie auf frische Milch verzichten müssten", erklärt Dr. Gerda Carl, 87, die ihr langes Leben in diesem Haus verbracht hat. Modern, naturnah, muss jener Jahrhundertwendevater gewesen sein, der das vielleicht aparteste Retiro hoch überm Westufer hinstellte. Die Villa Carl ist keine der prunkenden Hochzeitstorten, die reich gewordene Kommerzienräte seinerzeit gern an diese Gestade platzierten, seit die Bahn von München zum Starnberger See kam und mit ihr die betuchten Sommerfrischler.

Die Villa Carl ist ein verwitterter Walmdachbau mit Schweifgiebel und breiten Sprossenfenstern in unaufwändigen Dimensionen, wunderbar harmonisch in ihren großzügigen Landschaftspark gefügt, der durch das weidende Vieh und die (verpachtete) biologische Landwirtschaft mit ihren Gemüsebeeten und Gewächshäusern besonders unartifiziell wirkt. Den Kühen sei es auch zu verdanken, sagt Frau Carl, dass ihr Grundstück als landwirtschaftliche Nutzfläche ausgewiesen, die Grundsteuer somit bezahlbar sei und die immer wieder herangetragenen bauwütigen Begehrlichkeiten gelassen abgewiesen werden könnten.

Topflappen an Jugendstilhaken

An diesem See, wo "Immobilienmakler wie Trüffelschweine jeden Quadratmeter verwertbaren Grund aufspüren", sei es ein mittleres Wunder, sagt Gerhard Schober, der Starnberger Kreisheimatpfleger, dass sich das Ensemble Villa Carl so intakt fast über ein Jahrhundert hat retten können. Völlig stilrein haben sich auch die Riemerschmidschen Jugendstilinterieurs des Hauses erhalten. Der berühmte Architekt der Münchner Kammerspiele hat für dieses Privathaus jedes Detail "durchgestylt" und handfertigen lassen - die leichtfüßig-geschweiften Möbel und Lampen, die tiefvioletten oder kobaltblauen Kacheln und Fliesen und den wohl kunstvollsten Küchenhaken, an denen ein banaler Topflappen baumeln kann.

Die 87-jährige Frau Carl und ihre noch etwas betagtere Schwester hängen an ihrem Elternhaus mit einem pfleglichen Respekt, der wohl ebenfalls recht einzigartig sein dürfte. Sogar der Einbau eines dringend nötigen Treppenlifts ist keineswegs selbstverständlich: "Nur, wenn er nach uns wieder spurenlos verschwindet ..." Zum Glück gibt in dieser Familie die Nachkommenschaft zur Hoffnung Anlass, dass nicht ein weiteres Villenkleinod am See vernichtet wird - wie das vielen Besitzungen bereits zugestoßen ist. Das erfahren wir höchst bildhaft und elegisch aus einem backsteinschweren Riesenbuch, das jedes Gramm im Gepäck eines Seereisenden wert ist. Ich kenne kein schöneres Buch über jene Art von vornehm-lässigem Sommerleben. Zusammengestellt hat den mit Fotos und Skizzen überreich ausgestatteten Wälzer Frühe Villen und Landhäuser am Starnberger See ein Autodidakt: der besagte Heimatpfleger und hauptberufliche Grundschulkonrektor Gerhard Schober. Jahrzehntelang wühlte er sich durch Dachböden, Familienarchive und -korrespondenzen, Katasterämter.

Für unsere Villensuche gibt es kein stimmigeres Standquartier als das Hotel Kaiserin Elisabeth in Feldafing. Tee trinkend, versunken in den etwas verblichenen Chintz- und Gobelinfauteuils auf einem Holzbalkon, erfahren wir aus "dem Schober" wahrlich nicht nur verklärte Vergangenheit. Dem gepflegt dämmernden Feldafing kennt man es heute nicht mehr an, mit welcher Rabiatheit in der NS-Zeit die meisten seiner Prachtvillen "arisiert" wurden, in welche dann auf Betreiben Röhms die weit verzweigte Parteischule der NSDAP einzog. Ins ehemalige Sommerfrischen-Villino Thomas Manns zum Beispiel kam die Nazihausmeisterei. Die gut gemeinte ausgleichende Gerechtigkeit der amerikanischen Besatzungsmacht, welche aus den Feldafinger Villen nach dem Krieg Unterkünfte für Dachau-Überlebende und jüdische Displaced Personsmachte, funktionierte für viele Opfer nicht mehr: Sie starben an Entkräftung in den ehemals vornehmen Interieurs. Der kleine Feldafinger jüdische Friedhof zeugt von ihrem Schicksal.

Waldberta, kauzig und für Künstler