Moskau

Dmitrij Sawadskij verließ im Juli 2000 seine Wohnung, um mich am Flughafen von Minsk abzuholen. Er kam nie an. Das rätselhafte Verschwinden meines russischen Kollegen verursachte großes Aufsehen. Sofort schalteten sich die weißrussischen Behörden ein. Die Beamten vermuteten, dass der Kameramann des russischen staatlichen Fernsehsenders ORT entführt worden war. Der Verdacht: Sawadskij sollte daran gehindert werden, Geheimoperationen weißrussischer Spezialeinheiten im Tschetschenienkrieg auszuplaudern. Dmitrij hatte oft aus dem Nordkaukasus berichtet. Dort erfuhr er, dass in Tschetschenien weißrussische Einheiten kämpften. Unabhängige Journalisten in Minsk nahmen an, dass diese Männer sich als Söldner verdingten - für die Russen wie für die Tschetschenen.

Seit dem Verschwinden von Sawadskij löst in Weißrussland ein politischer Skandal den nächsten ab. Für den weißrussischen Präsidenten Alexander Lukaschenko ist dies äußerst unangenehm. Sollten Lukaschenko und seiner Entourage Verbrechen nachgewiesen werden, wird dies ein Schock für die regierungstreuen Bürger sein. Schon jetzt versorgen entlassene Beamte der Staatsanwaltschaft und der Staatssicherheit die Oppositionsmedien emsig mit Informationen. Der ehemalige Direktor des Minsker Gefängnisses und der Exgeneralstaatsanwalt haben gegenüber Journalisten geheime Details über die Vernichtung von politischen Gegnern der Regierung enthüllt. Sobald unabhängige Zeitungen darüber schreiben, sind sie nach wenigen Stunden vergriffen.

Alexander Lukaschenko begann seine Präsidentenkarriere 1994 mit einer Zustimmung von 70 Prozent; danach sank seine Popularität selten unter 50 Prozent. Vor den Präsidentschaftswahlen an diesem Sonntag aber unterstützen nach Umfragen unabhängiger Institute nicht mehr als 20 bis 30 Prozent der Bevölkerung den Präsidenten. Das ist das schlechteste Ergebnis seit Beginn seiner Amtszeit.

Als Sohn eines Bauern und Musterschüler des sowjetischen Systems hat Lukaschenko feine Antennen für die einfachen Menschen. Virtuos spielt er mit ihren Gefühlen. Seine Losungen sind eingängig und verständlich: Er will die Sowjetunion wieder errichten; er kämpft gegen Verbrechen; er schützt die Armen; er schafft Ordnung im Land; er verhindert, dass das nationale Eigentum in die Hände des internationalen Kapitalismus gerät. Über seinen Kampf für das Wohl des Vaterlandes berichten täglich staatliche Zeitungen und der einzige landesweite Fernsehsender. Kein Thema für die regierungstreuen Medien ist hingegen das immer schlechter werdende Leben. Durch Wirtschaftskrise und internationale Isolation, hat sich Weißrussland in einen armseligen Außenseiter verwandelt. Beleuchtet die staatliche Propaganda diese Lage überhaupt, sind daran innere und äußere Feinde des Landes schuld. Lukaschenko ist davon besessen, diese Feinde zu vernichten und seine Macht zu zementieren.

Lukaschenko regiert das Land mit Präsidialerlassen. Der Staatsapparat ist ihm treu ergeben - bis auf wenige Ausnahmen. Wer sich dem Aufbau des quasitotalitären Staates widersetzt, wird aus dem Weg geräumt. Viele aktive Oppositionelle müssen aus dem Land fliehen, um dem Tod zu entgehen. So verschwand im Mai 1999 der langjährige Innenminister Jurij Sacharenko spurlos. Er hatte einen Bund der Offiziere gegen den Präsidenten gegründet. Seit September 1999 ist der ehemalige Vorsitzende der Zentralen Wahlkommission, Wiktor Gontschar, verschollen. Er leitete eine Untersuchung über einen Verfassungsbruch des Präsidenten. Im Juni dieses Jahres flohen zwei Untersuchungsrichter und der Generalstaatsanwaltschaft aus Weißrussland. Lukaschenko hatte sie des Mordes an zwei weiteren Politikern beschuldigt. Die Opfer waren keine Geringeren als der Chef des Sicherheitsrates und der Innenminister. Was steckt hinter diesen Vorwürfen?

Vor einigen Jahren gründete das Innenministerium auf Befehl des Präsidenten eine geheime Einsatzgruppe, die "Staatsfeinde" bekämpfen sollte. Das bestätigen die Untersuchungsrichter, die an den Entführungsfällen arbeiteten. Es sei damals eine Anleitung zum "perfekten Mord" ausgearbeitet worden: Menschen verschwinden spurlos. Dieses Muster wurde an den Paten der weißrussischen Unterwelt ausprobiert. Unter ungeklärten Umständen verschwanden 1998 in Weißrussland gleich mehrere Chefs organisierter krimineller Banden. Großes Aufsehen erregte das nicht - das Schicksal von Verbrechern berührte kaum jemanden. Doch dann gingen die Behörden dazu über, diese Methode auch gegen politische Gegner Lukaschenkos anzuwenden.