Das Ungetüm schwebt ein paar hundert Meter über dem Reichstag. Ein Luftschiff, weiß mit blauem Schriftzug. In der kleinen Gondel an seinem Bauch ist nur Platz für die Pilotin, zwei Passagiere. Gesteuert wird mit Fußpedalen und Drehrädern neben dem Sitz. Die beiden Motoren knattern wie ein gewaltiger Rasenmäher.

Thermik reißt das Schiff immer wieder ein paar Meter hoch, um es gleich wieder fallen zu lassen. Eine Bö später tritt die Pilotin das rechte Pedal voll durch, und das Luftschiff gleitet sanft in eine Kurve.

Die Pilotin ist Engländerin und heißt Kate Board. Sie trägt ein weißes Hemd und eine dunkelblaue Hose, außerdem einen Kopfhörer mit Mikrofon. Sie ist 26 Jahre alt, eine der wenigen Frauen am Steuer eines Prallluftschiffs, so nennt man ihr Gefährt. Weltweit gibt es nicht einmal hundert Piloten dieser Kisten - Astronauten haben mehr Kollegen. Sie werden vor allem für Werbezwecke eingesetzt. Unten auf dem Boden, winzig, die Schlange vor dem Haupteingang des Parlaments. Köpfe recken sich gen Himmel. Ziel erreicht: Werbebotschaft übermittelt. Es sind fünf Buchstaben, sie prangen auf dem Schiff: der Name eines japanischen Autoherstellers, daneben, kleiner, sein Logo.

Werbeluftschiffe sind so populär wie nie zuvor. Es gibt kaum mehr eine Großveranstaltung, kein Formel-1-Rennen, keine Love Parade, auf der sich nicht Werbeluftschiffe in den Blick der Zuschauer drängen, in Gestalt riesiger Zigarren. Am häufigsten ist der Schriftzug eines Herstellers von Filmmaterial zu sehen. Studien haben ergeben: Die meisten Menschen finden Reklame auf Luftschiffen sympathisch, sie ist nicht so aufdringlich.

Die Himmelskörper heißen Blimps. Das B erinnert an den B-Typ, einen populären Zeppelin, den die Amerikaner während des zweiten Weltkriegs benutzten. Und limp bedeutet schlaff, denn Blimps haben kein Metallgerüst wie die Zeppeline. Sie sind mit Helium gefüllt und stabil nur durch den Druck in der Kunststoffhülle.

In Europa konkurrieren nur vier Unternehmen um einen Platz am Himmel, weltweit sind weniger als 30 Schiffe verfügbar. Eine Flugstunde kostet Werbekunden um die 5000 Mark. Sie erreichen damit mehr Leute als mit Plakatwerbung bei einer Fußball-Weltmeisterschaft, hoffen sie - zumindest für einen günstigeren Preis. Regionalen Werbekunden versprechen Anbieter zielgenaue Reklame ohne "geografischen Streuverlust".

Fünf Monate lang ist Kate Board für ihre Londoner Firma The Lightship Group mit ihrem Blimp in Deutschland unterwegs, über mehr als 20 Städten. In Berlin bleibt sie zwei Wochen, demnächst reist sie in die USA. Über der Hauptstadt fliegt sie die Straßen und Plätze ab, auf denen die meisten Fußgänger unterwegs sind - über den Alexanderplatz zum Reichstag, zum Kurfürstendamm und zurück. Nur von Flughäfen muss sie sich fern halten.