Schon als Junge stand Howell Raines im tiefen Süden der USA in den Flüssen und angelte mit Fliegenködern. Später hat er ein Buch über das Fliegenfischen geschrieben und darin bemerkt, dass es gar nicht darum geht, wer den dicksten Fisch am Haken hat. Viel wichtiger sei es, mit den Anglerkumpanen Freundschaften fürs Leben zu schließen.

Raines hat schon mit Gouverneuren und Senatoren gefischt, und von nun an wird der Junge aus dem Süden als Angelpartner begehrter sein denn je: An diesem Donnerstag, dem 6. September, tritt Howell Raines offiziell seine Stelle als neuer Chefredakteur der New York Times an. Er leitet damit die einflussreichste Zeitung der USA und - wie viele sagen - der ganzen Welt.

Raines gilt als ausgezeichneter Schreiber und Journalist mit glasklarem Verstand. Er gilt aber auch als Günstling des Herausgebers Arthur Sulzberger jr., als jemand, der die Nähe zur Macht liebt und nur allzu deutlich zeigt, wen er mag und wen nicht. Die Zeitschrift Vanity Fair bezeichnete ihn unlängst als den umstrittensten Namen im Impressum der New York Times.

Geboren wurde Raines 1943 im Bundesstaat Alabama. Sein Vater arbeitete in der Holzindustrie. Oft soll sich der Sohn, wie Freunde später sagten, über seine provinziellen Verwandten beschwert haben. Raines studierte Englisch und arbeitete wechselweise als Lokalberichterstatter, Filmkritiker und politischer Redakteur. Später ging er zu einer Lokalzeitung nach Florida.

1977 veröffentlichte er die Erinnerungen My Soul Is Rested, aus denen er bis heute gern zitiert. Raines beschreibt darin sein Unbehagen darüber, dass er all die Jahre in Alabama die dortigen Missstände nicht bemerkt habe, und greift im gleichen Atemzug Nachbarn an, die mit dem Ku-Klux-Klan sympathisierten. Als clevere PR bezeichnet Steve Rendall, Direktor der New Yorker Media Watch Group Fairness and Accuracy in Reporting (Fair), das Buch.

Raines habe sich durch das Buch den Ruf des liberalen Südstaatlers sichern können - in der Ära Jimmy Carter ein begehrtes Attribut.

Der New York Times jedenfalls gefiel Raines' angriffslustiger Stil. 1978 wurde er im Büro der Zeitung in Atlanta angestellt und 1981 nach Washington versetzt. Dort begann sich Raines nach zwei Jahren allerdings zu langweilen.