Am 28. Januar 1970 trafen auf dem alten Londoner Fischmarkt Billingsgate zehn Holzkisten ein. Jede enthielt, säuberlich nach Gewicht sortiert, zwei Dutzend Lachse. Eine Sensation. Lachs im Winter! Das hatte es bis dahin noch nie gegeben. Die Fracht stammte aus Lochailort, einer Bucht an der schottischen Westküste. Zum ersten Mal war in Großbritannien gelungen, was im Jahr zuvor die Norweger vorgemacht hatten - den Edelfisch Salmo salar zur Marktreife zu züchten.

Verantwortlich für das schottische Wunder war Unilever Research, die Forschungsabteilung des multinationalen Konzerns für Lebensmittel und Haushaltsgüter. Und in Norwegen leistete Mowi, eine Tochtergesellschaft der Norsk Hydro, die Pionierarbeit. Norsk Hydro verdiente ihr großes Geld in aller Welt mit Öl, Leichtmetallen und Düngemitteln. Aquakultur, wie man die Bewirtschaftung des Wassers in Anlehnung an Agrikultur nennt, wurde als "Nahrungsquelle der Zukunft" gefeiert.

Heute werden Zuchtlachse nicht mehr in Holzkisten verschickt, sondern in industrielle Plastikcontainer gekippt und auf 38-Tonnen-Zügen von den Meeresfarmen abtransportiert. Was früher ein Luxusgericht war, ist der Alltagsluxus des kleinen Mannes. Keine Speisekarte und kaum ein Flugzeugmenü kommt ohne gedünsteten oder geräucherten Salm aus. Die Produktion ist weltweit auf schier unvorstellbare 870 000 Tonnen pro Jahr angeschwollen und dürfte dieses Jahr sogar eine Million Tonnen erreichen. Aber mit dem Industrielachs kamen auch die Umweltprobleme - und die behagten den aufs Image bedachten Firmen nicht.

Unilever stieg 1994 aus der Lachsproduktion aus. Norsk Hydro folgte diesen Sommer. Damals wurde als Grund für den Verkauf der Meeresfarmen und Verarbeitungsfabriken ins Feld geführt, die Fischzucht gehöre nicht zum Kerngeschäft der Konzerne. Heute bekennt man sich bei Unilever ganz offen dazu, dass Fischzucht nicht mehr ins Konzept einer Firma passt, die sich mit umweltbewusster Produktion und langfristigen Investitionen ein Firmenimage für das 21. Jahrhundert zuzulegen versucht. "So ändern sich die Zeiten", kommentiert Mike Haines in der Londoner Firmenzentrale lakonisch. Norsk Hydros Firmensprecher Tor Steinum behauptet hingegen, der Grund für den Verkauf der Abteilung Hydro Seafood sei allein eine interne Neuordnung des Unternehmens. "Wir haben keine Probleme mit Umweltverträglichkeit der Lachszucht." Etwas anderes über einen Vermögenswert zu sagen, für den ein neuer Eigner gerade umgerechnet eine Milliarde Mark bezahlt hat, wäre wohl auch nicht ganz anständig.

In die entstehende Marktlücke sprang die gerade erst sieben Jahre alte holländische Firma Nutreco. Sie besitzt Meeresfarmen in Norwegen, Schottland, Irland, Frankreich, Chile und Nordamerika und dominiert die Industrie weltweit mit 20 Prozent der Fischproduktion und mit 40 Prozent der Fischfutterproduktion. Die Firma entstand, als der Ölmulti British Petrol 1994 - die BSE-Krise ging gerade ihrem Höhepunkt entgegen - einen Käufer für seine Tierfutterfabriken suchte. Die Manager übernahmen das anrüchige Tochterunternehmen. Seither ging es mit der Nutreco steil bergauf.

In jedem mittelmäßigen Supermarkt hängt inzwischen, eingeschweißt und rot schimmernd, der erschwingliche Fisch. Doch die Befriedigung des Massenmarkts hat ihren Preis. Der World Wide Fund for Nature (WWF) rechnete aus, dass allein die schottischen Zuchten so viel ungeklärte Abwässer wie eine Großstadt mit 9,4 Millionen Einwohnern in die - glaubt man den Fremdenverkehrsprospekten - "unberührten Gewässer" der Westküste schütten.

Die Rückstände hochgiftiger chemischer Tauchbäder gegen Parasitenbefall werden routinemäßig abgekippt. Oft handelt es sich dabei um illegal verwendete Substanzen.