Johannesburg Der Auszug der Amerikaner lag seit drei Tagen in der Luft. Am Montag, 18.15 Uhr Ortszeit, war es gewiss: Die US-Delegation verlässt die Weltrassismuskonferenz in Durban. Die Begründung lieferte Außenminister Colin Powell per Satellit aus Washington. Die Entwürfe zur geplanten Abschlusserklärung enthielten "hasserfüllte Formulierungen gegen Israel" weitere Verhandlungen seien "zwecklos". Unmittelbar nach dieser Ankündigung riefen schwarze Demonstranten in New York: "Schande über die USA!" Und im Gastgeberland Südafrika schäumten die Kommentatoren. Tenor: Die feige Weltmacht ruiniert eine einzigartige Veranstaltung.

Das Thema Nahost hatte schon die Konferenzvorbereitung überschattet.

Wochenlang wurde um allgefällige Worte gerungen, und noch in letzter Minute versuchten Vermittler aus Kanada, Norwegen und Südafrika, Kompromissformeln zu finden. Alle Mühe blieb vergeblich. "Es war, als stünde eine eiserne Mauer zwischen den Kontrahenten", sagt ein beteiligter Diplomat.

Als die unversöhnlichen Lager in Durban aufeinander prallten, kam es zu hässlichen Szenen. Da zirkulierten Plakate, auf denen der "ewige Jude" mit Krummnase und blutigen Reißzähnen zu sehen war. Da verloren Delegierte die Contenance und brüllten sich an. Israels Vertreter packten eine Stunde nach den Amerikanern ihre Sachen. Das Kampfgeschrei aus dem arabischen Block, Israel veranstalte einen Genozid in Palästina, war unerträglich - nicht nur für sie. Umgekehrt wollten sich die Israelis nicht einmal den Vorwurf massiver Menschenrechtsverletzungen gefallen lassen.

Traurige Zwischenbilanz der einwöchigen Mammutkonferenz: Das Forum gegen Rassismus und Fremdenfeindlichkeit wurde vergiftet durch die Intoleranz, ja den offenen Hass der Abgesandten aus dem Nahen Osten. Als ob es auf der Welt nur einen Konflikt gäbe - den ihren.

Ein weiterer Streitpunkt, die Sklaverei und ihre Folgen, droht die Europäer zu spalten. Elf EU-Mitglieder sind bereit, sich für die Schandtaten ohne Vorbehalt zu entschuldigen. Vier Staaten - Großbritannien, Niederlande, Spanien und Portugal - wollen es bei einer Reuebekundung belassen die großen Kolonialmächte befürchten astronomisch hohe Reparationsansprüche. Auch die Afrikaner sind in dieser Frage uneins. Die einen fordern individuelle Entschädigung für die Nachfahren der Opfer, die anderen verstärkte Entwicklungshilfe. Wie auch immer das Gezerre ausgehen mag: Durch den Auszug der Amerikaner und den Dissens der Europäer wird die große historische Chance vertan, endlich Abbitte für eines der schlimmsten Verbrechen der Menschheitsgeschichte zu leisten.

Dann sind da noch tausend weitere Konflikte, Skandale, himmelschreiendes Unrecht in aller Welt, aus religiösen, ethnischen oder politischen Gründen verfolgte Minderheiten, die Unberührbaren aus Indien, mexikanische Indianer, australische Aborigines, diskriminierte Aids-Kranke, Asylsuchende - sie alle wollen in Durban gehört werden, wollen sich wiederfinden in der Abschlussdeklaration. So muss eine Weltversammlung unter der Last der Probleme, die sie sich aufgebürdet hat, zusammenbrechen. Ihr Ansinnen ist edel, aber so aussichtslos wie der Versuch, den schlechten, intoleranten Menschen abzuschaffen.