Mein Freund Harry, damals noch Angestellter eines schwergewichtigen Konzerns, hatte sich eine besonders subtile Quälerei für seine Bosse ausgedacht. Im Dienstwagengespräch wünschte er sich einen Golf. Der Mann auf der Power-Seite des Schreibtisches konterte mit mildem Vorwurf: Er dürfe doch einen E-Benz oder einen Fünfer-BMW ordern, übersetzt: Bringen Sie hier nicht unsere Kleiderordnung durcheinander. Nein, antwortete Harry, einen Golf, bitte schön, schwarz.

Harrys sanften ironischen Augenschlag hat sein Gegenüber wohl nicht mehr gesehen, er muss ihn ganz schnell türwärts bugsiert haben. Denn Harry hatte sich mit seinem teuflischen Spielchen gegen die klassischen Statusregeln einer hierarchischen Organisation versündigt: Er nahm weniger, als ihm zustand. Harry hat das Status-Match trotzdem gewonnen. Denn dekonstruiert lautete das Signal: Ich bin groß, deshalb kann ich mich so klein machen.

Eine altbekannte Variante ist der Trick mit der Entfernung der Typen- und Hubraumkennung am Heck eines Oberklasseautos: Auftrumpfen durch Weglassen, ein durchsichtiges semiotisches Versteckspiel.

Heute hat Harry, inzwischen sein eigener Boss, mit seinem Audi RS4 in dieser Disziplin die Olympionikenklasse erreicht. Sein 380-PS-Ding (schwarz, natürlich) sieht aus wie ein kleiner Kombi - audimäßig, unauffällig, bescheiden. Doch kostet's hundertpaarunddreißigtausend Mark, und dafür gibt's sechs Zylinder, sechs Gänge, eine Beschleunigung von 0 auf 100 in 4,9 Sekunden, ein Mittendifferenzial, das fein austariert mal zieht, mal schiebt, und eine Topgeschwindigkeit (abgeregelt) von 250 Stundenkilometern. Und vier Türen und reichlich Kofferraum: 390 bis 1250 Liter. Im Vergleich: Ein 911 Carrera bietet nur 130 Liter (beschleunigt aber doppelt so schnell).

Der Auffälligkeitsquotient tendiert gen null, wenn man sich den Wagen wie Harry in Schwarz bestellt. In Eidottergelb (mit zweifarbigen Ledersitzen) macht er etwas mehr her, aber Gelb gibt's auch beim Smart. Die zentrale Frage ist: Wer soll sich den RS4 kaufen? Ideal geeignet ist er für zwei Typen.

Einmal für die Harrys, die altersweise genug sind, um ein anderes semiotisches Spielchen zu durchschauen: den Mittfünfziger im Porsche, der in solcher Hochgeschwindigkeitsschachtel das Gegenteil vom Gewollten signalisiert - nicht Cool, sondern Vorwärts in die Vergangenheit. Wenn also Paterfamilias, nunmehr mit voluminöserem Vermögen ausgerüstet als in seiner Jugend, noch einmal dezent und staatsmännisch die sonst gezähmte Sau rauslassen (und auch mal die Tüten aus dem Supermarkt holen) will, hat er mit dem RS4 das ideale Gefährt. Zumal dem manierlichen Auspuffsound jegliche Angeberallüren fehlen.

Zum zweiten für den Autobahnfaschisten, der, mal kleiner, mal größer, in uns allen schlummert. Der RS4 ist nicht nur die pure Macht, sondern auch der perfekte Überraschungsangriff von hinten. Nach einiger Verzögerung weichen auch die üblichen Platzhirsche, welche die linke Spur als ihr Erstgeburtsrecht verstehen. Das Fußvolk im Vierzylinder beugt sich noch schneller, wächst sich doch der RS4 in ihrem Rückspiegel in Sekunden zum gelben Monster aus. Wer in der Godesberg-Gesellschaft heimtückische (wiewohl gekaufte) Macht demonstrieren will, der findet im RS4 die richtige Waffe.