Wem gehört eigentlich was? Und wo gehört es hin? Das Nibelungen-Lied nach Deutschland, der Trierer Rock nach Rom, der Parthenonfries nach Griechenland?

Sind nationale Kulturgüter möglicherweise besser in einer öffentlichen Sammlung eines anderen Landes als im Safe eines einheimischen Privatiers aufgehoben? Das sind heikle Fragen, die Politiker, Juristen und Kunstverwalter beschäftigen und inzwischen zu neuen Länderabkommen führen, die längst nicht immer mit den umstrittenen EU-Verbindlichkeiten konform gehen. Und natürlich ärgern sie den Kunsthandel, weil das Schengener Abkommen zunächst auch dem Kunstmarkt offeneren Warentransfer versprach.

Nun hat der französische Staat nach diversen Gerichtsverfahren und damit verbundenen Ausgleichszahlungen für nicht exportierbare Güter ein neues Gesetz verabschiedet, das den Verbleib von nationalem Kulturgut im Lande besser regeln und die Eigentümer angemessen entschädigen soll. Steht ein Werk von nationalem Interesse zum Verkauf, über das ein staatliches Exportverbot verhängt ist, behält sich der Staat 30 Monate lang vor, dem Veräußerer ein Angebot zu Marktpreisen zu machen. Innerhalb eines Vierteljahres können die Eigentümer dann abwägen, ob sie die Schätzung akzeptieren oder einen Gutachter ihrer Wahl auf eigene Kosten zurate ziehen. Bisher war es so, dass der Staat entweder Kompensation anbot, den Export untersagte oder nach drei Jahren das Objekt zum Verkauf ins Ausland freigab.

Innerhalb der Europäischen Union sind die Vorschriften zur Ausfuhr kulturellen Erbes unterschiedlich und werden in den Ländern am strengsten gehandhabt, die am reichsten gesegnet sind: Italien, Spanien und Griechenland. Bis zu 30 Prozent Ausfuhrsteuer sind da zu entrichten, Italien behält sich außerdem als letztes Mittel die Enteignung vor. Zur Olympiade im Jahr 2004 fordert Hellas unmissverständlich die "Ausleihe" der seit Anfang des 19. Jahrhunderts in Großbritannien befindlichen Elgin Marbles. Was in England länger als 50 Jahre im Land ist, gehört dort allerdings zum kulturell geschützten Kulturgut - auch wenn es Ausnahmen gibt. 1998 etwa stimmte die Regierung dem Verkauf der auf 60 Milionen Pfund taxierten bedeutenden Präraffaeliten-Sammlung der Familie Sherfield in die USA zu, was aber einen öffentlichen Aufschrei zur Folge hatte. Davon unbeeindruckt, versuchen Premierminister Tony Blair und sein australischer Amtskollege John Howard derzeit eine Rückführung von Kunstwerken der Aborigines im großen Stil zu vereinbaren. 40 Museen, unter anderem in Manchester, Leeds und Liverpool, so berichtete der Daily Telegraph, würden bereits mit den einstigen Kronkolonien verhandeln.

Politische Rücksichten sorgen gelegentlich dafür, dass auch unerwartet Kostbarkeiten wieder in ihrem Ursprungsland landen. Die großzügige Geste leistete sich der französische Staatspräsident François Mitterrand 1993 bei einem Staatsbesuch in Vietnam und gab eine während der Kolonialzeit geraubte Handschrift zurück. Ob nun die Gutenberg-Bibel oder die 144 mittelalterlichen Handschriften aus dem Besitz des Aachener Kunstsammlers Peter Ludwig, die über die Schweiz ins kalifornische Getty-Museum verkauft wurden - es gibt wohl kein Land, das nicht herbe Verluste zu beklagen hätte. Am traurigsten muten die Erfahrungen der geplünderten Ost- und Dritte-Welt-Länder an. Kein Wunder, dass als Erste Litauen, Paraguay, Peru, Ungarn und Rumänien 1998 die private Konvention Unidroit (International Institute for the Unification of Private Law) zur Eindämmung des Diebstahls und des illegalen Handels mit nationalem Kulturgut ratifizierten.

Mit strengen Bestimmungen versucht seit 1962 auch Polen nach zwei Jahrhunderten Teilungen, Kriegen und Raubzügen das wenige Verbliebene im Lande zu halten. Jeder Kunstgegenstand von vor 1945 bedarf einer Exportgenehmigung. Wird der stattgegeben, sind 25 Prozent des Objektwertes an den Staat abzuführen. Eine Maßnahme, die den Kunsthandel dort so gut wie blockiert.

Liberaler als in angrenzenden EU-Ländern ist die Handhabe in der Bundesrepublik. Nur 700 Objekte stehen in dem 1999 veröffentlichten und weiter offenen staatlichen Gesamtverzeichnis national wertvollen Kulturgutes - mit dabei sind zwölf Passionsbilder von Hans Holbein dem Älteren und Briefe von Goethe und Herder aus dem Nachlass des Schriftstellers Johann Georg Jacobi. Nur viermal bisher wurde seit 1955 eine Ausnahme zum Verkauf ins Ausland gestattet: Noch vor der jüngst in die Kongressbibliothek in Washington verkauften Waldseemüller-Weltkarte ging ein Gemälde des Schweizer Malers Tobias Stimmer (1539-1584) nach Schaffhausen. Das so genannte Texas-Archiv mit Informationen für Auswanderer in die USA um 1860 wurde nach New York verkauft und tauchte später in Teilen auf Auktionen wieder auf.