Der Kampf geht weiter, aber mit anderen Waffen. Diesmal sollen keine Steine fliegen und keine Schüsse fallen. Am Montag kommt Horst Köhler, der Präsident des Internationalen Währungsfonds (IWF), nach Berlin, bei Kaffee und Kuchen will er mit Antiglobalisierern aus halb Europa diskutieren. Darüber, ob der weltweite Kapitalismus ein System ist, dem man vertrauen kann. Die alte Frage der Globalisierungsdebatte.

Die sich plötzlich wieder neu stellt. Denn der wichtigste Zeuge hat seine Aussage geändert. Als Ende 1999 bei der Tagung der Welthandelsorganisation WTO in Seattle die Antiglobalisierungsproteste begannen, da hatten die Zentralbanker und Konzernlenker dieser Welt einen mächtigen Verbündeten: die Wirklichkeit. Die Weltwirtschaft boomte, in Amerika ging der Aufschwung in sein achtes Jahr. Der Dow-Jones-Index durchstieß erstmals die Marke von 10 000 Punkten, in Deutschland machte plötzlich nicht mehr Lotto die meisten Millionäre, sondern der Neue Markt. Ein Experte nach dem anderen verkündete das Ende des Konjunkturzyklus, die Abschaffung der Krise. Und hatten sie nicht Recht? Im Jahr 2000 wuchs die Weltwirtschaft um 4,8 Prozent, stärker als je zuvor in 16 Jahren. Der neue, globale, deregulierte Kapitalismus - er schien nicht nur schneller und effizienter zu sein, sondern auch besser.

Wohlstandsfördernder.

Neun Monate später hat die Wirklichkeit die Seiten gewechselt. "Erstmals seit 25 Jahren beobachten wir eine gleichzeitige rasante Talfahrt aller großen Volkswirtschaften rund um den Globus", sagt Robert Hormats, Vizepräsident der Investmentbank Goldman Sachs. Der neue, globale, deregulierte Kapitalismus erlebt seine erste große Krise.

In Amerika wuchs die Wirtschaft im zweiten Quartal um dürftige 0,2 Prozent.

Allein im verarbeitenden Gewerbe gingen in den vergangenen zwölf Monaten 800 000 Jobs verloren. Die Zahl der Arbeitslosen stieg auf 3,2 Millionen - wenig, verglichen mit manchen europäischen Ländern, aber in den USA so viel wie seit 1992 nicht mehr. Die Löhne stagnieren, die Einkommensunterschiede wachsen. Seit Ende 2000 gibt es für drei von vier amerikanischen Angestellten keine Lohnzuwächse mehr. Gleichzeitig bauen die Unternehmen Überstunden ab.

Ein Automobilarbeiter in Detroit verliert allein dadurch zwischen 10 000 und 20 000 Dollar im Jahr.