Was für eine monotone Tätigkeit: Ein Gabelstaplerfahrer bekommt von der Vertriebsabteilung eine Liste. Darauf steht haargenau, welche Teile er aus den Regalen holen und für eine Lieferung zusammenstellen soll. Die Teile liegen an genau festgelegten Stellen im Regal, und der Gabelstapler muss immer wieder die gleichen Bewegungen ausführen, um sie einzusammeln. Ein typischer Fall für die Automatisierung. Der Mensch auf dem Gabelstapler ist so überflüssig wie der Heizer auf der E-Lok - sollte man denken. Aber sobald einmal ein Karton nicht da liegt, wo er liegen soll, zeigt das System Mensch plötzlich wieder seine Überlegenheit.

Lange Zeit war eine möglichst weitgehende Automatisierung das oberste Ziel der Ingenieure. Überall dort, wo der Mensch mechanische, exakt definierbare Handgriffe ausführt, sollte er durch einen Roboter mit Computerhirn ersetzt werden. Denn der stellt keine Lohnansprüche und braucht weder Zigarettenpausen noch Feierabend.

Doch neuerdings lösen sich die Ingenieure zunehmend vom Konzept der totalen Automatisierung. Und das liegt etwa im Fall des Gabelstaplers nicht daran, dass das Problem generell unlösbar wäre. "Technisch ist das sogar machbar", sagt Gunter Lay vom Karlsruher Fraunhofer-Institut für Systemtechnik und Innovationsforschung (ISI), "aber ein fahrerloses Transportsystem ist wirtschaftlich nicht sinnvoll." Denn die Vollautomatisierung ist teuer und bindet Kapital, das dann jeder Veränderung des Produktionsablaufs im Weg steht. Doch Flexibilität ist heute ein Muss für jedes Unternehmen, und deshalb sind in den vergangenen Jahren viele fahrerlose Transportsysteme wieder verschrottet worden. "Es hat sich gezeigt", sagt Innovationsforscher Lay, "dass der flexibelste Gabelstaplerfahrer immer noch der Mensch ist."

In einer repräsentativen Unternehmensbefragung, die gerade abgeschlossen wurde, konnte das Institut das "Ende der Automatisierungseuphorie" erstmals auch mit Zahlen belegen: 35 Prozent der hoch automatisierten Betriebe in Deutschland gaben an, dass sie die Automatisierung wieder zurückschrauben wollen oder sogar schon damit begonnen haben. Und wenn Menschen wieder mehr Tätigkeiten von der Maschine übernehmen, sinkt nicht etwa die Qualität der Produktion. Firmen mit hoch automatisierten Anlagen hatten eine Ausschussquote von 5,1 Prozent zu beklagen, die Vergleichsgruppe der Firmen mit zurückgenommener Automatisierung dagegen nur 4,1 Prozent. Vor dem Einstieg in die Automatisierung wurde mit 6,5 Prozent allerdings am meisten Ausschuss produziert. Für die ISI-Forscher zeigt das: Nicht die Automatisierung selbst, sondern das Nachdenken über eine bessere Organisation der Arbeit bringt Erfolg. Ist das Hochregallager im Zuge der Automatisierung erst einmal gründlich aufgeräumt, wird anschließend auch ein menschlich gesteuerter Gabelstapler nicht mehr von herumstehenden Kisten behindert.

Die "kognitive Restfunktion"

Damit sind die Unternehmen intuitiv auf einen Trend eingeschwenkt, der sich seit einigen Jahren auch in anderen Technikfeldern abzeichnet. Was wollte man einst nicht alles vollautomatisch den Computerhirnen überlassen! Sie sollten bewegte Bilder erkennen und archivieren, Stundenpläne an Schulen und Hochschulen ausarbeiten, Lkw auf der rechten Autobahnspur Kolonne fahren lassen, im Postamt Briefe sortieren, Jumbo-Jets sicher auf der Landebahn aufsetzen lassen. Aber nichts davon funktioniert heute ohne den Menschen, trotz gewaltiger Forschungsanstrengungen. Was den Maschinen bis heute fehlt, ist menschliches Wahrnehmungsvermögen, menschliches Gedächtnis, menschliche Interpretationsfähigkeit und Intuition.

Bei all diesen Tätigkeiten bleibe eine "kognitive Restfunktion", sagt der Bremer Informatiker Christoph Schlieder, die immer noch vom Menschen übernommen werden müsse. Schlieder hat untersucht, warum es Computern so schwer fällt, bewegte Bilder vollautomatisch zu erfassen, und ist dabei zu der Überzeugung gelangt: "Technik sollte den Menschen nicht ersetzen, sondern ihm möglichst sinnvoll assistieren." Zusammen mit ARD-Fernsehanstalten haben Schlieder und seine Mitarbeiter ein solches "Assistenzsystem" für die Erkennung von Videobildern entwickelt. Dabei erkennt das Programm die "Struktur" der bewegten Bilder, also zum Beispiel Kameraeinstellungen, eingeblendete Texte und wiederkehrende Gesichter. Handelt es sich um eine Magazinsendung, kann die Software zwischen Studiomoderation und Filmbeitrag unterscheiden. Der Archivar muss also nicht mehr das gesamte Material sichten, sondern kann jeden einzelnen Magazinbeitrag sofort erkennen. Für die Bezeichnung des Themas und die Namen von Moderator, Autor und Kameramann macht die Software Vorschläge, die aus der Erkennung der eingeblendeten Schrift gewonnen wurden. Im besten Fall muss der Archivar all das nur noch per Knopfdruck bestätigen. Oft wird er aber aus Erfahrung zusätzliche Stichwörter eingeben, die später das schnelle Wiederfinden der Filmsequenzen ermöglichen. Das Assistenzsystem erleichtert ihm die Arbeit, die Entscheidungen trifft er jedoch weiterhin selbst.