Er halte nichts von Personenkult, pflegt Bernard Sumner, Sänger und Frontmann der britischen Kultband New Order, auf die Frage zu antworten, welcher Musiker ihn in seiner immerhin 17-jährigen Karriere beeindruckt habe. Einzige Ausnahme: Kraftwerk. Wie die Düsseldorfer Computerkünstler in den frühen Achtzigern meiden die Gründerväter des Manchester Rave in ihrem aktuellen Video den unbarmherzigen Blick der Kamera.

Statt von digitalen Replikanten lassen sich New Order von jungen Männern doublen. "Here comes Love, its like honey, you can't buy it with money" lautet der simple Refrain des ausgekoppelten Smash-Hits Crystal, und doch scheint es New Order in ihrem neuem Album, Get Ready, nicht um Liebe, sondern um etwas anderes zu gehen: Jugend. Sumner, der Bassist Peter Hook, der Drummer Stephen Morris und dessen Frau Gillian Gilbert, viertes Bandmitglied der mit dem Synthiepop-Stück Blue Monday 1983 in die Musikgeschichte eingegangenen New-Wave-Formation, sie alle sind inzwischen Mitte 40 und gestandene Familienväter beziehungsweise -mütter.

Mit Get Ready, ihrem Comeback nach achtjähriger Pause, haben sie ein Album geschaffen, das den Charme und den Sexappeal voll im Saft stehender Mittzwanziger austrahlt - was nicht zuletzt an der unglaublich jung klingenden Stimme Bernard Sumners liegt. Fast möchte man wie ein Teenie kreischen, wenn Sumners in Rock The Shack zu verzerrter Gitarre abrockt. Oder weinen, wenn er in Slow Jam die lächerlichen Sehnsüchte des Pop zelebriert.

Natürlich ist der romatisch-rebellische Unterton des Albums ebenso wie der Titel Get Ready, ebenso wie die zahlreichen Gitarrensoli, auch Show. Hier versuchen Profis zu beweisen, dass Erfahrung und Geschmack siegen können im Kampf gegen die Authentizität der Jugend - mit Erfolg.

New Orders neues Album ist hervorragender Zitatpop, wie kann es anders sein.

Zitiert wird nicht nur auf der musikalischen Ebene, in Form einer funktionierenden Mischung aus klassischem achtziger-Jahre-Indiesound (mit scheppernden Drumbeats und auffällig einfachen Gitarrenriffs), sphärischen Synthie-Klängen aus der Blüte der Ravezeit und den Molltönen ihrer eigenen Vergangenheit, der düsteren Joy-Division-Ära, sondern auch kulturell. Beides tritt wieder aus der rhizomatischen Musikwelt der Jahrtausendwende heraus: der in sich geschlossene Song und das willensstarke Subjekt. Auf Get Ready wird Popmusik zum Lebenselixier.