Im Speiseraum lässt es sich aushalten. Die Fenster sind weit aufgestellt, und vom See weht der Wind, wie von einem großen Ventilator geblasen, durch die nass geschwitzten Kleider. Es ist die Zeit des Sonnenuntergangs. Die ersten Passagiere haben sich eingefunden. Ein fettleibiger Kaufmann aus dem Kongo. Eine junge Nonne. Ein Kleinhändler, der vorhin noch einen Sack getrockneter Fische an Bord gebracht hat. Alle warten geduldig auf den Kellner, der eine alte Blechschüssel und ein Stück Seife an jeden Tisch bringt und seinen Gästen aus einem Krug klares Wasser über die Hände gießt.

Es gibt weder Messer noch Gabel, gegessen wird mit den Händen. Auf dem Speisezettel steht gebratener Fisch mit Reis, wie am Abend zuvor und wie auch am darauffolgenden Abend. Die Männer trinken Bier der Marke Kilimandscharo, eiskalt. So kann man über den Tanganjikasee reisen - mit 650 Kilometern immerhin einer der längsten Seen der Welt. Und einer der schönsten, ohne Zweifel. Die Palmenwälder am Ufer sind von Schimpansen bevölkert, die Flussmündungen von Krokodilen. Im flachen Wasser kann einem Schwimmer schon mal ein Nilpferd entgegenkommen.

Die Fahrt von Kigoma im Norden Tansanias bis zum sambischen Mpulungu am Südende des Tanganjikasees dauert zwei Tage. Und zwei lange Nächte. Ob in den acht Kabinen der ersten Klasse oder den großen Schlafsälen im Bauch des Schiffes - überall ist es unerträglich schwül. Unten in der dritten Klasse nächtigen dicht gedrängt über 500 Menschen. Die meisten Passagiere müssen Stroh als Unterlage auf den eisenharten und ölverschmierten Boden legen.

Aufgeregte Hühner gackern zwischen den Menschen, an ein Abwasserrohr sind Ziegen gebunden.

Noch 40 Stunden bis Mpulungu. Ein Unterhaltungsangebot wie auf den großen Schiffen in Europa und Amerika ist auf der MV Liemba undenkbar. Hier schlägt niemand die Zeit tot. Hier bleibt sie am Leben. Fliegen irren wie volltrunken über den vier Löchern, die in den Boden gefräst wurden und als Toilette dienen sollen. Zudem gibt es nur vier Duschen, aus denen lauwarmes Wasser tröpfelt, für weit über 500 Menschen. Mehr Komfort hält die Betreibergesellschaft des Schiffes für unangebracht. Warum sollte man freiwillig auf diesem Schiff durch Afrika reisen?

Oben sieht die Welt schon wieder anders aus. Die Mahlzeiten sind die Höhepunkte der Reise und werden, zum Leidwesen der Kellner, entsprechend in die Länge gezogen. An der Stelle, an der heute der tansanische Staatspräsident Benjamin Mkapa von einem eingerahmten Foto ausdruckslos in den Speiseraum starrt, blickte vor unzähligen Seeüberquerungen, vor einigen Aufständen, Hungersnöten und zwei Weltkriegen einmal der deutsche Kaiser Wilhelm II. von einem Bild auf die Teller der Fahrgäste. Damals hieß das Schiff nicht Liemba, sondern Graf Goetzen, getauft nach einem deutschen Gouverneur und Afrikaforscher.

Die Goetzen war ein deutsches Schiff, und dass sie es - getrieben von Großmannssucht und Ingenieurskunst - überhaupt bis hierhin auf den Tanganjikasee geschafft hat, grenzt an ein kleines Wunder. Gebaut wurde sie im Jahr 1913 im niedersächsischen Papenburg, für die Bewohner der Kolonie Deutsch-Ostafrika. Wie aber sollte der Dampfer von Papenburg aus tief ins Herz Afrikas gelangen? Auf einen See, der durch keinen Wasserweg mit dem 1200 Kilometer entfernten Indischen Ozean verbunden ist? Ein Himmelfahrtskommando!