Nicht ohne Leibwächter. Das war die Bedingung für einen gemeinsamen Spaziergang durch Hamburgs Bahnhofsviertel St. Georg. "Er kommt gleich", raunt der größere Bodyguard, und mehr sagt er nicht. "Gleich kommt er", tuschelt der kleinere. "Er" - wie die Sicherheitsleute das aussprechen, klingt es, als habe nur einer in der Stadt dieses Hoheitszeichen verdient, als lasse das ehrfurchtsvoll ausgesprochene Fürwort keine Zweifel, wer gemeint sein könnte. Jetzt biegt "er" um die Straßenecke und erklärt das Aufgebot an Schutzmännern: "Könnte doch sein, dass einer aus der linken Szene eine Heldentat vollbringen will und einen Pflasterstein wirft."

Er: Ronald Barnabas Schill, 42 Jahre, aufgewachsen in Hamburg, abgebrochenes Studium der Psychologie, abgeschlossenes Studium der Rechtswissenschaften, 1,93 Meter, 87 Kilo, ledig, keine Kinder, Hobby: Segeln. Er: zwischenzeitlich suspendiert als Strafrichter am Hamburger Amtsgericht wegen unverhältnismäßig harter Urteile, in Hamburg wegen Rechtsbeugung verurteilt, die Revision beim Bundesgerichtshof am Dienstag dieser Woche gewonnen. Er: Gründer und Chef der Schill-Partei, bei den Hamburger Wahlen am 23. September deren Spitzenkandidat, Aushängeschild, Werbeleiter. Er: genannt "Richter Gnadenlos" in einer Metropole, die er "Hauptstadt des Verbrechens" nennt, den Linken ein Teufel, den Rechten ein Gott, den Unentschlossenen ein Teufelsgott, ein Parvenu aus dem politischen Niemandsland, laut Umfragen bei 12 bis 15 Prozent, womit er als Koalitionspartner der CDU zum Mehrheitsbeschaffer werden könnte - nach 44 Jahren SPD. Für sich selbst hat Schill das Amt des Innensenators vorgesehen. Ein Traum, der in Erfüllung gehen könnte. Ein Albtraum, der wahr zu werden droht. Je nach Perspektive.

In weiten Schritten eilt Ronald Schill über das Pflaster, klopft scherzend auf die hart wattierten Schultern der Leibwächter, politischer Freunde.

Jungenhaft lacht er, mit Grübchen in den Wangen. Sein offenes Jackett flattert um die Hüften, und wenn man ihn so sieht, glaubt man einen weltgewandten Hanseaten zu sehen, der zwei Spießbürger neben ihm zum Narren hält, ohne dass die merkten, wie ihnen geschieht. Was, wenn dies eine Programmauskunft wäre?

Ronald Schill wartet vor dem Hotel Graf Moltke, das Einzelzimmer ab 140 Mark.

Auf dem Gehweg drogensüchtige Huren, die Arme zerfurcht von Abszessen, weil zu viel Dreck in zu viel Heroin war, die Hautstränge verhärtet bis zum Hals, weil zu viele Spritzen in zu wenige Venen stachen. Mädchen, die ein Überbleibsel Körper verkaufen, den Quickie ab 20 Mark, ohne Gummi mindestens 30. Hamburg-St. Georg eben, das Viertel der Dealer und Junkies, der Obdachlosen und Säufer, der Huren und Stricher, der Türken und Kurden und Araber und Afrikaner, der deutschen Kleinverdiener und Arbeitslosen. St.

Georg, zugleich das Viertel der Altlinken und Linksliberalen, der Schwulen und Lesben, der bürgerschaftlich Bewegten und unermüdlichen Idealisten, der Gutsituierten und Gutgelaunten, der Künstler, Sänger, Medienmenschen (siehe Karte auf dieser Seite unten). St. Georg, Wahrzeichen einer sozial auseinander driftenden Stadt, mit tausend Widersprüchen auf 180 Hektar. Licht und Schatten fallen scharf nebeneinander. St. Georg passt gut zu Ronald Schill.