Micha Brumliks Entgegnung auf meinen Beitrag zur Gendebatte war ein Beleg dafür, dass selbst die eigene Vorwegnahme möglicher Fehllektüren vor selbigen nicht schützt. Eine ganze Reflexionsebene meines Essays wurde einfach gekappt. Symptomatisch für solches Falschlesen: Aus "Zunächst ist festzuhalten, dass wir nicht nichts tun können" macht Brumlik "... dass wir nichts tun können". Dahinter steckt anderes und Bedeutsameres als böse Absicht, nämlich eine unterkomplexe Entweder-oder-Logik, die der heutigen Weltlage nicht mehr angemessen ist. Der "fundamentale Selbstwiderspruch", den Brumlik mir attestiert und den er als Einwand gegen die Theorie versteht, ist in Wahrheit ein wesentliches Merkmal der (nachmodernen) Realität. Nur mithilfe eines paradoxen, "selbstwidersprüchlichen" Denkens lässt sich begreifen, dass und inwiefern die modern-aufklärerische Selbstermächtigung des Menschen in ein Schicksal zweiter Ordnung eingemündet ist - homo homini fatum.

Marc Jongen, Karlsruhe