Filmfestspiele Venedig: Wo sind die Deutschen?

Diesen Satz haben wir aus der Berichterstattung des vergangenen Jahres aufgehoben, er gilt fast in jedem Jahr: Die Deutschen sind wieder nicht im Wettbewerb. Wer diesen Satz aus zehn verschiedenen Filmfestival-Artikeln der ZEIT ausschneidet (wahlweise Cannes oder Venedig betreffend), kann einen Trostpreis gewinnen, etwa zwei Karten für den deutschen Beitrag im Beiprogramm, da findet sich immer etwas. In Venedig hätte das diesmal zum Besuch von Werner Herzogs neuem Film Invincible verpflichtet. Jedoch, trostloser kann Kino kaum sein. Herzogs erster Spielfilm seit mehr als zehn Jahren ist von so erschütternder Schlichtheit, dass er die Fundamente seines Ruhms ins Wackeln bringt. Die Geschichte vom jüdischen Muskelmann Zishe Breitbart, der 1932 für einige Monate aus Polen nach Berlin geht, um beim Hypnotiseur Hanussen aufzutreten, bis er mit den Nazis in Konflikt gerät, mag ja "auf wahren Begebenheiten" basieren. Aber der Film sieht aus, als hätte Herzog seine Welt am Abgrund, zwischen Mabuse und Massenhysterie, mithilfe des Kinderbausatzes Der kleine Magier heraufbeschworen. Und nebenbei lässt er die Nazis durchs Bild toben, als hätten sie längst die Macht ergriffen.

Übrigens sprechen alle fließend englisch - auch die Juden im polnischen Schtetl. Vielleicht lief Invincible deshalb in der Reihe Cinema del presente: Die verkäuflichste Sprache der Jetztzeit übers Drama von damals zu kippen ist noch das Gegenwärtigste an Herzogs Film.

Woody Allens Skorpion.

Woody Allen allein hat in den letzten zehn Jahren mehr Filme in den venezianischen Wettbewerb getragen als die Deutschen. Sein neues Werk The Curse of the Jade Scorpion macht sich einen Spaß aus jenem Motiv, das bei Herzog ganz ernsthaft mit dem kollektiven Unterbewussten vermählt wird: Hypnose. In Trance himmeln sich ein alter Detektiv (Allen) und seine junge Vorgesetzte (Helen Hunt) willenlos an in Wirklichkeit hassen sie sich.

Mithilfe des Übersinnlichen lässt sich das Sinnliche elegant legitimieren.

Nun darf Allen weiter die attraktivsten Hauptdarstellerinnen an seine Seite bitten. Wenn er sich in Fragen der eigenen Anziehungskraft offen zum Gebrauch eines Magiers bekennt, wollen wir über die Plausibilität seiner erotischen Verbindungen nicht mehr murren.