Berlin ist ins Gerede gekommen. Republikweit werden die Versäumnisse und Fehlentwicklungen der Stadt zum Thema. Aber sind sie nicht das verständliche Erbe einer schwierigen Geschichte?

Da ist die Rede von Subventionsmentalität: Senat und Parteien haben sich über Jahrzehnte daran gewöhnt, die Hand aufzuhalten, und können sich schwer an die Normalität gewöhnen: Man darf nur so viel ausgeben, wie man hat. Der Vorwurf stimmt, aber vergessen wird meist, dass der Westteil Berlins fünfzig Jahre lang eine Insel war, die finanziell und politisch nur überlebte, weil ihr halber Haushalt aus Bonn kam. Der Ostteil hatte als Hauptstadt der DDR eine Sonderstellung im Land. Beide Teile dienten als Vorposten im "Wettkampf der Systeme", wurden also von ihren "Systemen", dem Westen und dem Osten, mit viel Geld ausstaffiert, um die jeweilige Gegenstadt in den Schatten zu stellen.

Als 1990 beide zusammenkamen, musste Berlin die Folgen der Teilung bewältigen. Vieles gab es doppelt, musste aber trotzdem erhalten bleiben: Universitäten, Hochschulen, Opernhäuser. Der reichere Westteil half dem ärmeren Ostteil, dort waren die Straßen dringend reparaturbedürftig. All das kostet mehr Geld, als andere Städte aufbringen müssen, und begünstigt den Anspruch auf Hilfe von außen. Und zu Teilen ist dieser Anspruch auch berechtigt.

Arbeit nur beim Staat

Berlins öffentlicher Dienst ist viel zu groß, verglichen zum Beispiel mit dem von Hamburg. Stimmt ebenfalls, aber warum ist er es? Weil auf der Insel Berlin die Arbeitslosigkeit viel höher war als im Bundesgebiet und selbst vernünftige Wirtschaftspolitik kaum Linderung versprach. So hielt der öffentliche Dienst als Arbeitsbeschaffungsmittel her. Ökonomisch unvertretbar, aber politisch damals kaum vermeidbar.

Berlin ist wirtschaftlich unterentwickelt. Stimmt ebenfalls, aber weshalb?

Vor dem Krieg war es die größte Industriestadt Deutschlands, aber auf der Insel mochten und konnten viele nicht bleiben. Mit einer Ausnahme verließen alle Großbetriebe die Stadt, nahmen sogar die Forschungsabteilungen mit und etablierten sich in Westdeutschland.