Für die Mittelmäßigen war es schon immer ein Trost, dass das Genie sich in der Welt nicht zurechtfand

für die Eltern des Genies dagegen noch nie besonders tröstlich, dass ihr Kind in einem andern Universum seine Umlaufbahnen zog. Als Wolfgang (das Mathe-Ass) ins Heimatdorf von Bruce (Primus unter den Assen) auf Besuch fährt, besichtigen die beiden hoch begabten Halbstarken das weitläufige Problem der Außenseiterexistenz auf dem engen Terrain einer Wohnstube: "Seine Eltern waren nett zu uns. Ungefähr so, wie man nett ist zu ausländischen Logiergästen, deren Sprache man nicht versteht, auf deren Empfehlungen in der Heimat man aber trotzdem nicht verzichten möchte." Zu Hause verwandeln sich dann die Helden nach ihrem Spezialschuljahr wieder zurück in naseweise Teenager.

Warum sie trotzdem nicht ankommen können im Alltag, dafür hat Sigurd Pruetz einen flotten Roman voller Gründe geliefert: weil die Träume zu bunt sind fürs Plattenbauwohnheim, Ost-Berlin 1976. Die Jungs vom mathematisch-physikalischen Institut zu schlau für die sozialistisch korrekte Expressionismusstunde. Zu neugierig, spitzfindig, unverbogen. Naiv genug, vom Volksbildungsministerium Redlichkeit zu erwarten. Falsch gedacht ist eine Schulgeschichte mit allem, was dazugehört: schrulligen Lehrern, Liebe im Doppelstockbett, selbst geschriebenen Sonetten. Aber der Roman ist auch - oft komisch, mittendrin holprig, hintenraus überraschend - ein Entzauberungsbuch über das Wunderkinderland DDR, wo jeder sportliche Erstklässler als potenzieller Olympiasieger und künftiger Diplomat im Trainingsanzug galt. Die Mathe-Asse rechnen uns vor, warum Diktatur ein Widerspruch in sich ist. Und Sigurd Pruetz beschreibt, warum Genie und Eigensinn so schwer bestehen: Sie gehen glatt durch Mauern, aber stoßen sich wund an der Luft.

Evelyn Finger

Sigurd Pruetz: Falsch gedacht

Verlag Beltz & Gelberg, Weinheim 2001

200 S., 24,80 DM (ab 14 Jahren)