Innerhalb einer halben Sekunde muss er sich entscheiden. Seine Bewegungen koordinieren. Handeln. Eine halbe Sekunde bleibt ihm, das Richtige zu tun. So lange braucht das 150 Gramm schwere, mit Leder umnähte Korkstück, um von der Hand des Gegners in seine Zone zu gelangen. In die Strike Zone. Bewegt er seinen Schläger nicht oder verfehlt er den Ball, der das gedachte Rechteck zwischen Knie- und Achselhöhe passiert, kassiert er einen Strike. Nach drei Strikes ist es vorbei. Er ist draußen.

Passiert ihm das öfter, ist er ganz draußen, dann fliegt er wieder nach Deutschland zurück. Doch wenn er den Ball trifft und das trocken harte Clock über das Feld hallt, dann ist Mitch Franke im Himmel. Das ist ein unbeschreibliches Gefühl von Macht, Leben, Glück, das einer, der noch nie geschlagen hat, überhaupt nicht nachvollziehen kann, sagt der 19 Jahre alte Strausberger. Doch keine Zeit, dieses Glück zu genießen. Nach dem Clock lässt Michael Franke, den alle Mitch nennen, sofort den Schläger fallen.

Rennt los.

Die Beinmuskeln katapultieren seinen 85 Kilo schweren, 1,86 Meter langen Körper von der Homebase auf das Grün des Feldes hin zur First Base, einer viereckigen, weißen Plastikplatte. Dann wird Mitch Franke vom Batter zum Runner, vom Schläger zum Läufer. Baseball ist definitiv mein Leben, sagt er. Doch um vom Baseball auch leben zu können, muss einer aus Strausberg schon in die Vereinigten Staaten. Nach Amerika.

Denn in Brandenburg wie in ganz Deutschland hat man trotz wachsendem Interesse an dem Sport aus Übersee kaum eine Chance, ernsthaft als Profi zu arbeiten. Etwa 30 000 Menschen schlagen hier regelmäßig den weißen Ball mit der roten Ledernaht über den grünen Rasen. Rund 400 Clubs gibt es in der Bundesrepublik. Einer von ihnen - die Strausberger Sun Warriors - ist stolz, dass aus seinen Reihen der erste Deutsche nach 45 Jahren von einem amerikanischen Profiverein unter Vertrag genommen wurde. Mitch Franke, Exsonnenkrieger, spielt seit drei Monaten für die Milwaukee Brewers. Jetzt noch in der untersten Profiliga: der Rookie League. Doch sein Traum ist es, sich in ein paar Jahren über A-Liga, AA-Liga und AAA-Liga bis zur Major League (MLB) ganz nach oben zu kämpfen.

Auf dieser höchsten Stufe spielen dann 30 Mannschaften den besten Baseball des Universums, so schwärmte ein amerikanischer Sportjournalist. Über 20 Prozent der Spieler, die zurzeit in der MLB spielen, wurden nicht in den USA geboren. Weltweit, schätzt die Major League Baseball International (MLBI), gibt es etwa 40 Millionen Aktive. Das macht das 156 Jahre alte Baseballspiel zur drittgrößten Sportart der Welt. In Europa zelebrieren gerade einmal 120 000 Menschen das Duell zwischen Werfer und Schläger.

Wenn die Sonne aufgeht, ist er schon auf dem Platz