Herr Lehmann, stellen Sie sich bitte einmal vor, Sie seien Claudia Roth und hätten eine Wahlniederlage der Grünen zu kommentieren. Wir machen den Anfang: Ich möchte den Menschen draußen ...

Lehmann: ... im Lande danken, die uns gewählt haben. Und den Helfern, den Ehrenamtlichen, die den Kuchen gebacken haben.

Roth: Wunderbar!

Lehmann: Und jetzt Sie. Aber nach einer Niederlage, die ich durch einen Fehler in der Nachspielzeit verschuldet habe.

Roth: Es ist so bitter, so ungerecht. Ich hoffe, dass alle Fans, die an mich glauben, diesen Glauben nicht verlieren und mir abnehmen, dass ich alles gegeben habe. Ich kann mir nicht erklären, was passiert ist. Es tut mir aufrichtig leid für die Jungs auf dem Platz, die auch für mich gekämpft haben heute. Bitte verstehen Sie, mehr kann ich jetzt nicht sagen. Bitte glauben Sie an mich, und: Wir werden Meister.

Lehmann: Ich werde Sie für so was engagieren.

Obwohl die Floskeln fehlten, die viele Fußballer von sich geben: Da haben Sie ein anderes Spiel gesehen als ich, da müssen Sie den Trainer fragen, wir gewinnen und verlieren immer zusammen. Oder Sie schweigen und halten auf dem Weg zum Mannschaftsbus einfach Ihr Handy ans Ohr, Herr Lehmann.

Lehmann: Nein, das hat keinen Sinn. Als Torwart muss ich mich stellen. Wenn ich mich nicht stelle, sind die Kritiken nur noch bitterer.

Gut, für Sie spricht, dass Sie nach schlechten Spielen wirklich sagen: Heute hat Doof gegen Dumm gespielt. Aber Sie, Frau Roth ...

Roth: Ich? Was denn?

Nach den Landtagswahlen im März in Baden-Württemberg. Minus 4,4 Prozentpunkte bei den Grünen, der größte Verlust aller Parteien ...

Roth: ... o je, ich habe mich später im Fernsehen reden hören. Das war ziemlich grauenhaft.

Ihr Schönrechnen und Schönreden?

Roth: Wir waren hinter die FDP zurückgefallen, und ich habe behauptet: Wir sind dabei, das zu werden, was wir bundesweit schon sind - die dritte Kraft.

Dabei habe ich das gar nicht sagen wollen. Nicht so. Aber stellen Sie sich das mal konkret vor: Es ist kurz vor sechs, ich sitze in irgendeinem Hinterzimmer eines Fernsehstudios. Ich habe wochenlang für ein gutes Ergebnis gekämpft. Ich habe das Gefühl: Es ist gut gelaufen, wir waren besser als die anderen, ein gutes Abschneiden wäre da geradezu gerecht. Aber dann kommt die Prognose, und ich sitze da und kapiere es nicht und denke: Jetzt muss ich raus vor die Kameras und das auch noch erklären. Kann ich aber gar nicht. Das war nichts als Ratlosigkeit, ehrliche Ratlosigkeit.

Sie beide wollen doch nicht sagen, dass Sie immer ehrlich sind.

Lehmann: Ich habe viele Erfahrungen gesammelt mit Situationen, in denen ich meine Meinung gesagt habe, wo ich sie besser nicht gesagt hätte.