Bekanntlich ist die Hypochonderrate unter Schriftstellern besonders hoch. Sie ist so hoch, dass auf eine Gesprächseinladung zu diesem Thema der Redakteur einer großen Rundfunkanstalt reihenweise Absagen von tödlich-beleidigten, tödlich-erkrankten Autoren erhielt.

Die Gefahren, die in einem Schriftstellerkörper lauern, sind nicht zu unterschätzen, jedes einzelne Organ trägt den Defekt im Inneren verborgen und wartet nur darauf, endgültig zu versagen, was uns natürlich trotzdem selten dazu bewegt, die Zigaretten wegzuwerfen, den Alkohol ins Klo zu schütten und die Treppen hochzukeuchen, statt den Fahrstuhl zu benutzen. Der nächste Roman ist noch ungeschrieben, und Kranksein deprimiert, wenn man beim Schreiben seines letzten Werks nicht rauchen darf.

Zum Beispiel meine Mandeln. Drei Mandelentzündungen in Folge, und mein Arzt bangt um mein Herz. Geduldig erklärt er mir die Risiken und drückt das Stethoskop auf meine Brust. Saugnäpfe schmatzen auf meiner Haut, und mit dem EKG-Ergebnis verlasse ich erschüttert seine Praxis und mache mich, zitternd nach den Kippen greifend, auf den Weg zum Spezialisten. Dort höre ich, meine Blutwerte seien so schlecht, dass kein bedachter Arzt mich damit operieren würde. Nachblutungen könnten mich das Leben kosten. Das lieber doch nicht.

Der dritte Arzt fragt leider gleich nach meiner Profession und schaut mich dann so komisch an. Auf Bettruhe und Salbeitee hab ich aber keine Lust und gehe wieder heim.

Antibiotika und anderes nehm ich natürlich trotzdem nicht. Denn wenn ich tatsächlich eine Medikamentenallergie hätte und Asthmamittel nähme, wie ich im Anamnesegespräch aus - einer zugegeben übertriebenen - Vorsicht angegeben habe, dann hätte mich die Großpackung der X-Tabletten, die mir der Arzt verschrieben hat, erst recht schlecht Luft holen lassen. Dass nach dem Lipobay-Skandal Gesundheitsministerin Ulla Schmidt die Einführung eines Medikamentenpasses plant, ist darum irgendwie beruhigend. Oder trauen Sie bei all den Pharmanovitäten etwa den Ärzten und Apothekern zu, von ihrem Job noch etwas zu verstehen? Und was den Datenschutz angeht: In Leipzig mit seinen kameraüberwachten öffentlichen Plätzen hab ich endlich das Gefühl, dass alle Augen auf mir ruhen, und mir gefällt auch der Gedanke, dass es von mir und meinem Handy Bewegungsdiagramme gibt, die zeigen, dass ich weit gereist bin.

Und darum warte ich nur darauf, dass man den Code der Arzneimittelpass-Chips knacken wird und mir dann endlich glaubt, dass ich tatsächlich so schwer krank bin, wie meine Ärzte es längst wissen.

Ich erinnere mich noch, wie ich mit Nachbarskindern Volkszählungs-Verstecken spielte. Einer klingelte draußen an der Haustür, wir anderen machten einfach nicht auf. Mit solchen Kindereien muss irgendwann natürlich Schluss sein, wir schreiben schließlich das Jahr 2001, 1984 ist schon längst vorbei, und an Big Brother störte mich nur, dass keine Kamera zugegen war, als Zlatko seine Freundin Ebru prügelte. Was die wohl für Pillen schlucken?