Im Scheinwerferlicht der Schiffslampen sind sie deutlich auszumachen: faustgroße Gallertkörper unter der Wasseroberfläche. Den Fischern entfährt ein leiser Fluch, als sie die ekligen Viecher erblicken. Bei Nacht sind die Männer mit ihren Booten aufs Meer hinausgefahren

am frühen Morgen werden sie mit kleiner Beute zurückkehren. Denn immer weniger Fische verfangen sich in ihren Netzen. Und schuld daran sind diese glitschigen Klumpen: Mnemiopsis leidyi, eine Fleisch fressende Qualle ohne Herz und Hirn, aber mit einem enormen Appetit.

"Früher fingen wir drei bis sechs Tonnen pro Boot und Nacht, heute müssen wir zufrieden sein, wenn wir eine halbe Tonne einziehen", sagt Mahmood Ghorbani, einer der iranischen Fischer am Kaspischen Meer. "Wenn das so weitergeht, sind wir bald bankrott. In den vergangenen Monaten ist der Fang um etwa 50 Prozent zurückgegangen."

Hossein-Ali Khosh-Bavar Rostami, Direktor des iranischen Fischforschungzentrums (Shilat) in Mazanderan, spricht daher nur vom "Monster". Es habe im Süden des Kaspischen Meeres zu einer Reduktion des Fischbestandes von 25 bis 30 Prozent geführt. Betrug die Ausbeute 1998 noch 82 000 Tonnen, so sank sie auf knapp 65 000 im vergangenen Jahr. Auf dem Speisezettel der unheimlichen Qualle stehen nicht nur die Eier und Larven verschiedener einheimischer Sardinenarten (Kilkafische). Sie frisst diesen auch das Plankton weg. Auf diese Weise dezimieren die Invertebraten direkt und indirekt den Fischbestand. Das nächtliche Fluoreszieren der Qualle soll ein Übriges zur Reduktion der Fangquoten beitragen. "Es treibt die Fische aus den Netzen", sagt der Direktor des Shilat.

Die Kaviarindustrie ist dagegen bislang verschont geblieben. Für die Eier des Störs scheint sich die Einwanderin, die es in ihrer Heimat, dem Atlantik, vor allem auf Austern abgesehen hat, nicht zu interessieren. Der begehrte Kaviar bleibt Hauptexportartikel der iranischen Fischereiindustrie.

Genau genommen zählt Mnemiopsis leidyi nicht zu den Quallen, sondern zu den Ctenophoren. Diese haben keine Giftnesseln, mit denen sie ihre Opfer vor dem Verzehr lähmen. Doch ihre Fressgier ist grenzenlos. Im Ballastwasser der Frachtschiffe aus dem Nordatlantik haben ihre Larven als blinde Passagiere die weite Reise durch internationale Gewässer überlebt.

Im Schwarzen Meer hat die Migrantin bereits ein Jahrzehnt zuvor ihr Unwesen getrieben. Später führte ihr Weg im Kielraum von Schiffen aus Russland und Aserbajdschan weiter über die Asow-See und durch den Leninkanal, der Don und Wolga verbindet. Schließlich entließen sie die Frachter beim Wasserwechsel im Kaspischen Meer in eine neue Heimat. Die räuberische Immigrantin fühlt sich wohl im Exil, wo sie im Gegensatz zu ihrem Herkunftsgebiet um Florida keine Feinde hat und reichlich Nahrung findet. Der geringe Salzgehalt und die Wassertemperatur beschleunigen laut Abolghasem Ruhi, Ökologieexperte aus dem Iran, die Reproduktion. Eine geschlechtsreife Qualle im Kaspischen Meer produziert 8000 Nachkommen pro Tag. Weit mehr als ihre Kollegin im Schwarzen Meer.