Ein enger Freund, der ihn seit Jahrzehnten begleitet, bemerkte von Michael Blumenthal, er sei niemals einem Menschen begegnet, der in gleicher Weise dazu begabt sei, jede Etappe seines Daseins von Grund auf neu zu leben, mehr noch: sich in einem anderen, einem zweiten, dritten, vierten Leben ein ums andere Mal zu erfinden. Er sprach nicht von der Anpassung, die das Schicksal von jedem armen Teufel verlangt, der - aus seiner Heimat vertrieben, wie es dem Dreizehnjährigen widerfuhr - die Heimsuchungen der Fremde zu bestehen hat: auch einer so fremden Fremde, wie es das jüdische Quartier von Shanghai war, in dem die japanische Besatzungsmacht die bettelarmen Flüchtlinge aus Deutschland und Österreich zusammenpferchte.

Bürger ohne Allüren

Jener Freund - übrigens ein Amerikaner, der selbst auf ein bewegtes Dasein zurückschaut - meinte in Wahrheit die Intensität, mit der sich Blumenthal der unterschiedlichsten und so oft dramatischen Herausforderungen seiner Biografie bemächtigte, die man ein großes, ja fantastisches Abenteuer nennen könnte, ans Märchenhafte grenzend - in mehr als einer Hinsicht die Erfüllung des klassischen amerikanischen Traumes von dem jungen Menschen, der mit einer Hand voll Dollar in den Vereinigten Staaten anlangt, sich für keinen Dreckjob zu schade ist, um sich das Studium zu verdienen. Eine prallvolle Existenz, die genügte, zehn andere Leben auszufüllen, von denen keines langweilig wäre oder auch nur "normal", um eine missverständliche Formel zu riskieren, denn ebendas war eine der verborgenen Energiequellen des Großmanagers, des Politikers, des Diplomaten, des gebildeten Bürgers und Autors W. (für Werner) Michael Blumenthal: dass er jeder Aufgabe mit einer Art gehobener Normalität begegnet, ohne Allüren, doch selbstbewusst, nicht frei von Eitelkeit (immerhin ist er ein Intellektueller), aber ohne Arroganz und Manierismen, obschon sein Gesicht durch das Dean-Acheson-Bärtchen eine neuenglische Prägung gewann. Eher hält er es mit dem Understatement, das eine der kostbarsten Errungenschaften des angelsächsischen Kulturkreises ist. Trotz aller Wandlungen, womöglich dank seiner Bereitschaft zur permanenten Selbsterneuerung: Er blieb sich, soweit es ein ferner Beobachter beurteilen kann, auf eindrucksvolle Weise treu.

Die jüngste Station (kaum die letzte) seines Weges durch die Welt passiert er am 9. September in Berlin mit der Eröffnung des Jüdischen Museums: Es ist sein Tag - mehr als der jedes anderen. Ohne die Dynamik des 75-Jährigen, ohne sein organisatorisches Geschick, ohne seinen Magnetismus, der die schwierigsten und disparatesten Zeitgenossen durch die Kunst der Überredung und eine unbesiegbare Vernunft zu engagieren und zusammenzuzwingen vermag, wäre das halbe Wunder kaum geglückt, den Libeskind-Bau, bisher nur eine bestaunte architektonische Provokation, in ein erzählendes Museum zu verwandeln - ganz gewiss nicht in der Frist von knapp vier Jahren.

Wer immer im Herbst 1997 auf den Einfall verfiel, bei dem einstigen Finanzminister der Vereinigten Staaten und Chairman des Elektronikkonzerns Unisys Corporation mit der Frage anzuklopfen, ob er vielleicht bereit sein würde, als Direktor des desolaten Museums-Projektes nach Berlin zu kommen: Er (oder sie?) hat sich verdient gemacht. Bei seiner Berufung freilich ließ sich leicht voraussagen, dass Blumenthal den Dschungel der Berliner Wirrnisse mit kühler Entschlossenheit ausroden, dass er die Barrieren kleinkarierter Widerstände mit taktischer Behutsamkeit forträumen und die Debatte um die deutsche Erinnerungspflicht auf ein angemessenes Niveau befördern würde.

Mit ihm konnten die Seilschaftsdirigenten, die Beziehungswusler und eifersüchtigen Oberbürokraten ganz gewiss nicht verfahren, wie sie es in den Jahrzehnten vermuffter Front- und Hauptstadt-Routine gewohnt waren.

Blumenthal wusste, dank seiner Erfahrungen als Industrieboss und Regierungsmitglied, genauer als sie alle, was Macht ist - im Umgang mit ihren Instrumenten souverän genug, sie nur sparsam und sensibel einzusetzen. So viel war deutlich: Niemand konnte es darauf ankommen lassen, dass er dem Senat den Krempel vor die Füße knallen und sich in die nächste Maschine Richtung New York setzen würde - die Blamage vor den Augen der Welt wäre unsagbar und der Schaden für die Reputation der alt-neuen Metropole des vereinten Deutschland nahezu irreparabel gewesen. 

Durch die Virtuosität seines Umgangs mit Menschen, mit der er die Gemeinsamkeit unterschiedlichster Interessen zu mobilisieren vermag - ein brillanter Personalmanager samt der notwendigen Härte -, ist Blumenthal ohne sein Dazutun ein powerhouse in der Hauptstadt geworden: eine Autorität ohne Amt und Anspruch, die von allen Partnern und Parteien respektiert wird. In seinem Salon am Gendarmenmarkt trifft sich, im Schutz unaufdringlicher Diskretion, wer Wichtiges zu bereden hat. Er ist eine Institution, die man eines (hoffentlich fernen) Tages bitter entbehren wird.

Als Blumenthal sich auf dieses Wagnis einließ, waren vermutlich die meisten seiner Gefährten überrascht. Nicht alle. Seine Vertrauten hatten voller Sympathie registriert, dass Blumenthal nach dem Fall der Mauer nicht lange gezögert hatte, sich in Oranienburg umzusehen: der Stadt des "Muster-KZ", die für ihn vor allem die Stätte seiner Kindheit war. Kreuz und quer reiste er im Mietwagen durch die befreite DDR, auch durch den Bonner Staat - auf den Spuren seiner Familie, deren Geschick so eng mit der Geschichte des deutschen Judentums verflochten ist, ausgezeichnet durch überragende Persönlichkeiten wie Rahel Varnhagen, diesen flirrenden Geist, der mit seiner erotisch-spirituellen Magie die bedeutendsten Köpfe der Epoche an der Schwelle von Aufklärung und Romantik in ihrem Salon zu versammeln verstand.