Im Dezember wird es so weit sein. Dann erscheint PISA, die internationale Schulvergleichsstudie. Sie wird wieder zeigen: Die deutschen Schulen sind allenfalls mittelmäßig. Die Gründe dafür sind vielfältig, aber zu den schwerwiegendsten gehört gewiss die deutsche Gründlichkeit, mit der wir unser Bildungswesen reguliert, über einen Kamm geschoren, mit dem lähmenden Kleister des öffentlichen Dienstrechts überzogen haben.

In unseren Schulen regieren Gesetze, Erlasse und Verfügungen, exekutiert von einer Schulaufsicht, in der die Pädagogik hinter die Juristerei zurücktritt - immer schön im Sinne der Chancengleichheit und Rechtsstaatlichkeit. Die Erbarmungslosigkeit, mit der wir in diesem Land das einmal als richtig Erkannte pervertieren, macht uns so schnell keiner nach. Fünf Beispiele zeigen, wie Bürokratie und Dienstrecht die Schule daran hindern, besser zu werden.

Susanne Hütemann * leitet seit sechs Monaten eine Grundschule auf dem Lande.

Sie ist 42, die sechs Kolleginnen an ihrer Schule deutlich über 50 und allesamt mit Gatten in gehobenen gesellschaftlichen Positionen: Landarzt, Apotheker, Bürgermeister und was es sonst noch so gibt rund um den Kirchturm.

Vor der Übernahme ihres neuen Jobs hat sich Susanne Hütemann in Personalführung fortgebildet und gelernt, dass Teilhabe an allen Entscheidungen das Verantwortungsgefühl der Mitarbeiterinnen stärkt.

Ihre Vorgängerin, die den Dienst wegen einer vegetativen Dystonie (nervöser Erschöpfung) vorzeitig quittieren musste, hat der neuen Schulleiterin eine Kultur des Konsenses hinterlassen. Alle Kollegen sind sich einig, jede Unterrichtsstunde auf 40 Minuten zu verkürzen und jeden Geburtstag in der großen Pause mit Kuchen und einem Gläschen Sekt zu feiern. Während die Bürgermeistersgattin die Weihnachtsferien wegen der ausgezeichneten Schneeverhältnisse in den Dolomiten gerne um drei Tage verlängert, möchte die Arztgemahlin zwei Tage vor den Sommerferien einen Billigflug auf die Malediven nutzen.

Susanne Hütemann widersetzt sich dieser Art von Konsens: Sie lehnt Urlaubsanträge ab, revidiert den Stundenplan. Nach vier Wochen beschwert sich die Lehrerratsvorsitzende bei der Bezirksregierung über den gestörten Schulfrieden. Eltern werden mobilisiert, Susanne Hütemann - neu und zugereist - kommt als zickige Querulantin an den dörflichen Pranger. Bei der Schulaufsicht treten die Verwalter und Juristen auf den Plan: Hauptsekretäre, Amtsinspektoren, Oberregierungsräte. Jahrelang darin geübt, keinen Staub aufzuwirbeln, suchen sie nach der geräuschlosen Lösung und versetzen Susanne Hütemann kurzerhand an eine andere Schule. Auf ihre alte Stelle zieht die Bürgermeistersgattin: Der restaurierte Schulfrieden senkt sich über das Land.