Der Architekt und Kunsthistoriker Charles Jencks stellt eine große Frage, die lange schon kein Theoretiker seines Ranges mehr derart direkt anzugehen gewagt hat: Was ist Schönheit? Denn wohl hat man zu Zeiten der so genannten Postmoderne viel und gerne von ästhetischen Problemen gesprochen - und auch Jencks selber ist ja durch den Boom des ästhetischen Denkens berühmt geworden. Aber die Frage, was das Schöne sei, geriet dabei in den Hintergrund.

Die modernen Künste waren definiert als die "nicht mehr schönen Künste" - so der Titel eines Symposiums der Gruppe Poetik und Hermeneutik. Die Postmoderne präsentierte dann die "doch wieder schönen Künste" - allerdings um den Preis der Beliebigkeit. Durfte einst - seit die Futuristen dem Mondschein und der Nike von Samothrake den Krieg erklärt hatten - keine Spur des Schönen den kritischen Genuss der kritischen Kunst stören, so hatte nun - nachdem Andy Warhol die Schönheit der Suppendosen und Waschpulverkartons entdeckt hatte - der Künstler die Macht, alles und jedes für schön zu erklären.

Nur allzu verständlich, dass unter solchen Umständen die Lust gegen null tendierte, sich an eine Definition des Schönen zu wagen, die sich nicht mit der zirkulären Auskunft begnügt, als schön habe zu gelten, was das Kunstsystem als schön prämiere. So haben die beiden stringentesten ästhetischen Denker der letzten Jahrzehnte, der Philosoph A. C. Danto und der Soziologe Niklas Luhmann, fast wortgleich die Lage zu definieren versucht.

Beide richteten den Blick auf das System der Kunst und seine Versuche, sich wie andere soziale Systeme auszudifferenzieren: Die Regeln dessen, was als schön zu gelten hat, werden im System Kunst festgelegt. So weit, so schön: Aber bezeichnenderweise sind dabei sowohl Danto als auch Luhmann Zweifel gekommen, ob das "System Kunst" sich auf Dauer als voll ausdifferenziertes System wird halten können. Danto spricht gar von einem möglichen Ende der Kunst, die sich im ständigen Definieren ihrer selbst erschöpft habe.

Vielleicht ist aber der starre Blick der Theorie auf das System Kunst selber ein Problem. Was beim Beobachten der Institution nämlich außer Acht bleiben muss, ist die komplexe Erfahrung des Schönen. Zweifellos suchen wir, ob es nun die Kunst im hergebrachten Sinn noch gibt oder nicht, weiterhin das Schöne - und finden es auch. Wenn man diese Erfahrung nicht von der Kunst her zu bestimmen versucht, was sind dann ihre Merkmale?

So geht Charles Jencks in seinem Essay vor. Er möchte dem ewigen Streit der beiden Schulen von Objektivisten und Subjektivisten entgehen, die entweder Schönheit für etwas Gegebenes "da draußen" halten, beziehungsweise das Schöne allein im Auge des Betrachters entstehen sehen. Jencks gibt vier Prinzipien des Schönen an, die sowohl Objekte wie Subjekte betreffen und aufeinander aufbauen: Zur Erfahrung des Schönen bedarf es erstens einer "Verdichtung von Formen", zweitens der "Freude am Neuen", drittens der "Symbolik der Perfektion", viertens eines "bedeutsamen Inhalts".

Nicht in einer bestimmten Form, so Jencks, liegt das Geheimnis der Schönheit (wie etwa in der S-Linie), sondern in der Intensivierung der Form-Erfahrung: "Im Kern kann man das erste Prinzip der Schönheit Muster über Muster oder Muster zum Quadrat nennen." Mag das zweite Prinzip der Überraschung auch durch die Innovationslust der modernen Kunst überspannt worden sein - man sollte sich nicht darüber täuschen, dass die Erfahrung einer Differenz essentiell für das Empfinden von Schönheit ist. Dass ein Gegenstand drittens, um als schön gelten zu können, als Symbol der Vollkommenheit angesehen werden muss, bedeutet kein Präjudiz für einen bestimmten Kanon: Die Wieskirche, das Tadsch Mahal, der Ozean, ein Zen-Garten oder Malewitschs Quadrat sind allesamt mögliche Kandidaten, denn sie laden den Betrachter zur Projektion von "all-overness" (Transzendenz, Göttlichkeit, Leere, das Allumfassende) ein. Fraglos kommen hierbei Kultur, Glaube, Geschmack ins Spiel. Und erst recht bei dem vierten Prinzip, dessen Wichtigkeit sich erst dann voll erschließt, wenn es mit einem oder mehreren anderen in Konflikt liegt: So kann man durchaus ein Objekt als geglückte intensive Form, als Innovation und als Bild der Vollkommenheit ansehen - und es doch aus ideologischen, moralischen, politischen, religiösen Gründen ablehnen. Die Erfahrung der Schönheit, so Jencks, wird durchaus auch durch Meinungen und Haltungen modifiziert. Schönheit wäre also noch am besten als eine Art spannungsreiches Oszillieren zu verstehen, in das wir unter dem Einfluss übersteigerter Formen, überraschend neuer Informationen, der Idee der Vollkommenheit und bedeutungsvollen Aussagen verfallen. Jörg Lau