Um die Avantgarde zu verstehen, muss man keine Rolle vorwärts machen.

Manchmal reicht schon ein Gedankensprung zurück. Erinnern wir uns spaßeshalber an die Kindertanzgruppe: die Primaballerina damals noch im entenkükengelben Krepppapierkostüm. Links, zwei, drei, rechts, zwei, drei.

Aber wichtiger als der taktgenaue Hüpfer ist die Lautlosigkeit des Hüpfens.

Da kennt die dicke Ballettdompteuse kein Pardon: Leise springen! Niemals trampeln, immer strahlen! Denn die Kunst besteht darin, das Publikum über den Kunstcharakter der Kunst zu täuschen

vollendete Künstlichkeit ist, wenn das Gemachte nicht gemacht erscheint.

Als die Ballerina erwachsen wurde, gewöhnte sie sich das Dauerlächeln wieder ab. Fürs Tanztheater trainierte sie sich authentisches Trampeln an, um schließlich - wie vergangene Woche, bei Nana et Lila, der Eröffnungschoreografie des Hamburger Kampnagel-Sommerfestivals für Tanz und Performance - das Künstliche an der kunstvollen Bewegung zu demonstrieren.

Nur mühte sich die Choreografin Blanca Li höchst angestrengt um Desillusionierung. Vor allem konnte sie sich zwischen Spielen und Zeigen nicht entscheiden. Dass beides, Illusion und Verfremdung, in einer Choreografie möglich ist, sogar notwendig verbunden sein kann, hat schon vor Ewigkeiten Merce Cunningham gezeigt. Der Amerikaner ist mittlerweile 82 Jahre alt, doch die Französin Blanca Li, zukünftige Tanzchefin der Komischen Oper Berlin, wird ihn noch lange nicht einholen. Nana et Lila, das Festival-Entrée, wollte "Folklore, zeitgenössischen Tanz und rituelle Elemente nordafrikanischer Kultur vereinigen", zwang aber bloß Disparates zusammen: die pathetische Gebärde des Flamenco, kühle Synchronität, die ekstatische Gestik des Kultes. Während das Verschiedene sich wechselseitig denunzierte, trommelten vier marokkanische Musiker drauflos, dass man im Ethnokitsch ersoff.