Meine Träume? Da gibt es wenig zu erzählen - ich träume eigentlich nicht.

Meine Lebensträume haben sich erfüllt. Doch ich erinnere mich: Ich war 25 und stand mit dem Ensemble Machtschattengewächse im Hinterhoftheater in der Münchner Gabelsbergerstraße auf der Bühne. Mit traumhafter Attitüde und großer Gewissheit wusste ich: Ich will als Kabarettist nicht nur erfolgreich sein - nein, ich möchte so bekannt werden wie Dieter Hildebrandt.

Bereits als kleiner Bub, Picasso lebte noch, und es ging das Gerücht, er müsse nur den Pinsel auf die Leinwand schmeißen, und schon könne er das Bild für eine Million Mark verkaufen, malte ich mir aus, wie das wohl ist - mit geringstem Aufwand berühmt zu sein. So soll es auch mit mir einmal werden, wünschte ich mir. Ich musste dann zwar entdecken, dass das Pinsel-aufdie-Leinwand-Schmeißen weit schwieriger war als geglaubt, aber im Großen und Ganzen erreichte ich mein Ziel.

Alles, was für mich vielleicht noch an Erfolgen kommen könnte, sind kleine Träumereien. Ich bin zufrieden, lebe in einem glücklichen Umfeld, mit meiner Familie, meiner Arbeit. Selbst wenn am Ende Hollywood riefe, wäre es für mich nicht mehr erstrebenswert. Ich glaube sogar, dass ich dort ganz schnell auf die Schnauze fallen könnte. Beispielsweise wenn ich einen blonden, blöd daherredenden Nazi mit Übergewicht spielen sollte. Obwohl: Eine Herausforderung wäre der dicke, dumme Nazi allemal. Eine Rolle, von der ich am Anfang gar nicht wüsste, wie ich sie spielen sollte, bei der ich an meine Grenzen gehen müsste. Solche Rollen sind wahre Traumrollen für mich.

Wäre der Politiker die Fortsetzung des Kabarettisten mit anderen Mitteln, könnte natürlich auch die Rolle des bayerischen Ministerpräsidenten spannend sein. Von der Statur her wäre ich dafür prädestiniert. Und in der bayerischen SPD kann man sehr schnell viel erreichen, wenn man nur ein großes Maul hat.

Was natürlich auch für die CSU gilt. Doch sie befindet sich weit außerhalb meiner Traumwelt, mit ihr überschreiten wir meine Grenze vom Traum zum Albtraum. Aber nur zu - albträumen wir einmal: Als bayerischer Ministerpräsident würde ich eine Mischung aus Wolfgang Clement, Edmund Stoiber und Franz Josef Strauß abgeben. Ich würde also den Sachzwängen folgen, ich hätte eine Lobby im Kreuz. Vergessen wir nicht: Auch Gerhard Schröder war einmal ein linker Juso, was man längst nicht mehr merkt. Und Otto Schily, ehedem RAF-Anwalt, finden wir heute in der Ausländerpolitik auf Kanther-Kurs.

Es ist doch immer so, sobald die Opposition an die Regierung kommt: Die Ideale bleiben wegen so genannter Sachzwänge auf der Strecke. Der Sinn des Kabarettisten ist aber, unbelastet von Machbarkeiten und realen Notwendigkeiten, sich Gedanken zu machen, die ursprünglich als unerfüllbar galten: Weg mit der Kernkraft, saubere Energie, alle Menschen werden Brüder, Friede auf Erden. Das sind alles Träume. Insofern ist der Kabarettist, anders als der Ministerpräsident, bereits per se ein Träumer. Gleichzeitig weiß er natürlich um die donquichotte-hafte Aussichtslosigkeit seiner Träume. Wie geht er damit um? Er bedient sich des kleinsten gemeinsamen Nenners und denkt sich: Wenn ich nur schaffe, dass die Leute sich bei mir wohlfühlen und sich sagen: Gott sei Dank, es ist noch einer da, der so denkt wie ich. Einer, der den Traum von Menschlichkeit träumt, von humaner Koexistenz, von verbrechensfreier Welt, den Traum von sauberer Umwelt, von lebenswerten Umständen auch für unsere Nachkommen. Diese Träume muss haben, wer nach meinem Kunstbegriff Kunst betreibt. Sonst ist man als kritischer Künstler fehl am Platz. Mir würde ohne solche Träume der Sinn meiner Arbeit fehlen.