Wer glaubt denn noch der Zukunft? Die meisten Menschen zieht's nicht länger ins gelobte Morgen, ihre Suche führt ins Gestern. An diesem Wochenende etwa, am Tag des offenen Denkmals, werden überall in Europa Millionen Neu-, nein, Altgierige zusammenströmen, um die Vergangenheit zu bestaunen. Nie war Geschichte so gegenwärtig wie heute, sie ist die größte Volksbewegung unserer Tage.

Selbst das neue Geld für das alte Europa schmückt sich mit bauhistorischem Jenseits: Über 2000 Jahre Architekturgeschichte wurden geplündert, um den 7-Euro-Scheinen ein stolzes An- und Aussehen zu geben. Die Antike tritt auf als stämmig-triumphaler Bogen, schräg gen Himmel sich erhebend

alle folgenden Epochen erstarren hingegen in öder Zentralperspektive. Der Gotik ist nur gemäßigtes Maßwerk vergönnt, und der Barock muss sich mit zwei hutzeligen Karyatiden begnügen. Einzig das 20. Jahrhundert und seine Glasfassaden wurden von den Gelddesignern ähnlich rasant und verkantet gezeichnet wie der römische Bogen. Was soll das bedeuten? Gibt es eine heimliche Verbindung zwischen römischer Klassik und Dessauer Moderne? Ist die Antike etwa das wahre Erbe Europas?

Weil die Währungshüter auch Bedeutungsvermeider sind, haben sie solchen Fragen vorgebeugt. Ihre architektonische Scheine-Welt kennt weder Rom noch Dessau, weder Paris noch London - bewusst wurden alle Hinweise auf wirkliche Bauwerke ausgelöscht. Die Bögen, Tore und Brücken sind nur leblose Chiffren, von allem Authentischen gereinigt. Denn was wäre passiert, wenn man den Eiffelturm für 20 Euro vorgeschlagen hätte, Big Ben für 50, das Brandenburger Tor gar für 100 Euro? Nie wäre aus der staatenlosen Währung etwas geworden.

So aber bleibt fürs nationale Gepräge, für Eichenlaub und Adlerstrenge, immerhin das Klimpergeld.

Doch das wird die Euro-Skeptiker kaum milder stimmen. Die neuen Scheine erzählen uns von einer Architektur ohne Architekten, von einer Geschichte ohne Erinnerung. Die Vergangenheit ist nur eine Stilfibel, aus der man sich bedient, um die Gegenwart zu dekorieren - das Wann, Wo, Wie und Warum des Gewesenen soll niemanden interessieren. So abstrakt wie das Geld, das keine Menschen, keinen Ort und keine Werte kennt, so abstrakt ist hier die europäische Kultur.

Gleichwohl, eine wärmende Botschaft hält die Währung doch parat: Es geht voran! ruft sie uns zu. Stillstand war nie, Veränderung immer! In dem Geschichtsbild des neuen Geldes strahlt die Gegenwart am hellsten, sie darf den 500-Euro-Schein zieren. Die Antike hingegen steht ganz am Anfang, bei fünf Euro. Aller Geschichtlichkeit beraubt, sind die Architekturmotive doch Symbole des Fortschritts, sie illustrieren Zeit. Und diese Zeit ist Geld.