Das Wesen der Tradition: ihr Unwesen zu treiben. Verstümmelungen zu besorgen, Dünste zu nähren. Auf dass, ganz gemächlich, eine Kunst neben der Kunst entstehe, die eine der anderen zum Verwechseln unähnlich. Giuseppe Verdis Aida beispielsweise wurde früh zu einer beliebten Freiluftoper. Da lag sie nun im Sägemehl der Manegen, von tonnenschweren Dickhäutern bedroht, unter den Wagenrädern enthusiastischer Bildungsbürger zermahlen und zermalmt. Und da liegt sie noch heute. Eine Musik, die (fast) nichts mehr zu erzählen weiß.

Diese Oper und ihr Textbuch, wetterte einst Eduard Hanslick, krankten an zwei Grundgebrechen: "Nach Innen die fast ununterbrochene Elegik der Handlung, nach Außen das egyptische Costüm im weitesten Sinn."

Man hält sich bis heute daran, behauptet gar, Aida sei ein Kammerspiel, ein Drama der puren Verinnerlichung. Die Feinmaschigkeit der Partitur spricht wohl dafür, ihre allzeit "warme" Harmonik, die Komplexität der dramatischen Charaktere, die kühne, sich radikal auf das Wesentliche konzentrierende Instrumentation - vom dreifachen Pianissimo des Vorspiels bis zu den letzten Akkorden der Harfe hinter der Szene. Es ist der unheilbare Bruch zwischen dem Öffentlichen und dem Intimen, zwischen dem Ich und dem Wir, der hörbar werden muss. Aber hat jemals eine Aufführung musikalisch damit Ernst gemacht?

Nikolaus Harnoncourt, der notorische Umkrempler, hat es versucht, 1997 im Zürcher Opernhaus: Seine Aida schied das seidig-selbstvergessene Timbre der lyrischen Szenen von der kreischenden Monumentalität der großen Tableaux und gab so beidem eine neue, fragende Qualität. Genau die sucht Harnoncourt nun auch in seiner Einspielung mit den Wiener Philharmonikern herzustellen (Teldec 8573-85402). Allein, Verdis varietà scheint doch allzu philisterhaft beim Wort genommen. Ob dem Ganzen nun der theatralische Funke fehlt oder Harnoncourt sich von dem Wiener Edelklangkörper bisweilen überrumpeln lässt - die Spannung lässt zu wünschen übrig. Die Aufnahme erstarrt in tempelhafter Schönheit vor sich selbst. Die soliden Sängerleistungen ändern daran wenig (Cristina Gallardo-Domas in der Titelpartie, Vinzenco La Scola, wie schon in Zürich, als Radames, Thomas Hampson als Amonasro).

Was bleibt, ist der Triumphmarsch: ein Kabinettstück präziser, obertonreicher Klangstrategie, hautnah an der Grenze zur plärrenden Groteske. Die sechs ägyptischen Trompeten ließ Harnoncourt schon für Zürich eigens nachbauen.

Weil die Originale der Verdi-Zeit in Mailand wider Erwarten doch nicht existierten. Und weil die viel gepriesenen Aida-Trompeten der Bayerischen Staatsoper sich prompt als gewöhnlich entpuppten: im Messing viel zu dick und überdies gebogen statt gerade.