Erinnerungskultur ist einer der Respekt heischenden Begriffe, mit dem wohlmeinende Politiker und Publizisten hantieren, wenn von der NS-Geschichte und ihrer Rolle im öffentlichen Leben die Rede ist. Der Begriff umkreist den gesellschaftlich angemessenen Umgang mit dem Verbrechen des Judenmords. Die sechs Millionen toten Juden kehren nicht wieder. Aber sie sollen nicht vergessen werden. Ihre Mörder auch nicht.

Die festliche Eröffnung des Jüdischen Museums an diesem Wochenende in Berlin ist eine Wegmarke auf der langen Strecke, die seit Kriegsende auf der Suche nach den Wahrheiten unserer Vergangenheit zurückgelegt wurde. Der inzwischen leichthin formulierte Vorwurf einer gesellschaftlichen, ja sogar politisch gewollten Verdrängung des Völkermords aus dem "kollektiven Gedächtnis" ist bei genauer Betrachtung haltlos. Er ist zu einem im Ausland gepflegten Vorurteil geworden, das wir selbst entwickelt haben.

Spätestens seit der Befreiung von Auschwitz und Bergen-Belsen 1945 wussten alle, die lesen, sehen und hören konnten, dass die moralische Schuld, die auf Deutschland lastet, grenzenlos sein würde. Nur geredet wurde darüber kaum.

Was aus Scham oder Schuldgefühl beschwiegen wurde, verschwand gleichwohl nicht aus dem Gedächtnis. Was wir vergessen wollten, widersetzte sich dem Vergessen kraft seiner Ungeheuerlichkeit.

Eine andere Sache ist die juristische Vergangenheitspolitik der fünfziger Jahre. Begünstigt durch die neue Frontstellung des Kalten Kriegs und die Herausforderungen des Wiederaufbaus, verflüchtigte sich nach den Nürnberger Prozessen die strafrechtliche Verantwortung vieler Täter in Verjährungsdebatten und grotesken Gerichtsurteilen. Die deutsche Elite, sofern mitschuldig, kam davon. Nur ein einziger Richter von Tausenden Hitler-hörigen Robenträgern wurde verurteilt. In der DDR erklärte der Antifaschismus alles: Schuld waren die Kapitalisten.

Nicht der Auschwitz-Prozess, sondern ein amerikanisches Fernsehmelodram, Holocaust, sollte schließlich Ende der siebziger Jahre die massenhafte seelische Kehre bringen: Was, um Gottes willen, haben wir getan? Hatten wir wirklich vergessen?

Die späteren Jenninger-, Goldhagen-, Walser-Debatten und der Historikerstreit öffneten Ausblicke in unterschiedliche deutsche Seelenlagen: Der Politiker, immerhin Bundestagspräsident, hatte als erwachsener Mann offenkundig zum ersten Mal Augenzeugenberichte aus den Vernichtungslagern gelesen und war erschüttert. Seine Gefühle konnte er nicht in dafür längst bereitliegende, politisch korrekte Betroffenheitsphrasen kleiden. Er musste gehen. Anders der Dichter Martin Walser: Er hatte schon zu viel über Auschwitz gelesen und mochte die Gräuelbilder nicht mehr sehen. Seine Ressentiments fanden Zustimmung. Der amerikanische Historiker Daniel Goldhagen vermittelte seinen jugendlichen Zuhörern das beruhigende Gefühl, dass es zwar eine Art deutschen, antisemitisch-genozidalen Volkscharakter gegeben hätte - den der Großeltern, versteht sich -, der aber jetzt überwunden sei. Die dritte Generation war gerettet.