Was soll all das Reden über die übrige Politik nach dem Terrortag in Amerika? Nicht, aber auch nichts hat Gewicht gegenüber diesem Grauen. Und damit haben die Terroristen schon eines ihrer Ziele erreicht: Die Opfer und alle, dies es angeht und die dem zusehen, gänzlich auf die terroristische Tat und Drohung zu fixieren, bis zur Erstarrung. Insofern ist unser gesamtes Nachdenken beides zugleich - eine Fixierung auf den Terror und einer Versuch, diese Fixierung zu durchbrechen.

Von diesem Zwiespalt war - vor fast einem Vierteljahrhundert - auf dem Höhepunkt der Terrorwelle der RAF in der Bundesrepublik der damalige Präsident des Bundeskriminalamtes Horst Herold besessen. In einem Gespräch mitten im heißen Herbst gestand er mir, dass der RAF-Terror, seiner verbrecherischen Grausamkeit ungeachtet, ihm innerlich immer noch weniger zu schaffen mache als alles, was danach zu kommen drohe. Die RAF handelte in einem verrückten Sinne politisch-rational, sie verfolgte mit ihren Erpressungen Ziele, musste mit ihren "Gegnern im System" verhandeln, war also bei aller Verborgenheit erkenntlich und wollte vor allem das Leben ihrer "Kämpfer" wahren und ihre "Kriegsgefangenen" freipressen. Für einen Polizisten eine Chance, Spuren zu lesen, Taten zu begreifen, Täter zu verfolgen, Risiken einzugrenzen.

Was aber, so Herold damals, wenn wir es erst mit Leuten zu tun haben, die keine Geiseln mehr nehmen, keine Forderung verhandeln - sondern nur noch aus dem Unsichtbaren auftauchen, ziellos morden, unsichtbar verschwinden: Hit and run…Was dann?

Selbst diese finstere Befürchtung kommt einem heute vor wie eine matte Vision aus guten alten Zeiten. Damals rechnete nicht einmal ein Horst Herold mit Terroristen, die ihr eigenes Leben nicht schonen, sondern ihre Bereitschaft zum Selbstmord, zur tödlichen Verwundung als Instrument ihrer - Unverwundbarkeit einsetzen. Und nun ist die nächste Stufe erreicht: Die Verbindung aus einem im höchsten Maße irrationalen Fanatismus mit einer im höchsten Maße rationalen Logistik und Zielplanung.

Es ist dieser historische Blick ein Vierteljahrhundert zurück, der mir den eigentlichen Schrecken einjagt: dass wir selbst in diesem fürchterlichen historischen Tiefpunkt noch nicht am Ende der Geschichte angekommen sind.

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