Für die Vereinigten Staaten steht schon seit drei Jahren fest: Bin Laden, Führer der Terrorgruppe Al-Quaeda, ist der gefährlichste Terrorist der Welt. Ihm werden Mord, Verschwörung zum Mord und Angriffe auf Einrichtungen der USA vorgeworfen. Das FBI setzte im Juni 1999 eine Belohnung von fünf Millionen Dollar für Informationen aus, die zu seiner Ergreifung führen. Der Mann, den Newsweek den "Don Corleone des internationalen Terrors" nannte, ist seit Jahren in Afghanistan untergetaucht. Die Taliban, die ihm Unterschlupf gewähren, bestreiten seine Beteiligung an den Anschlägen in New York und Washington. Der Gejagte tut freilich seit Jahren alles, um seinen bösen Ruf zu rechtfertigen. In einem Interview mit einer arabischen Fernsehstation im Mai 1998 sagte er: "Ich habe Amerika den Krieg erklärt, weil Amerika an der Spitze eines Kreuzzuges gegen die Islamische Nation steht. Der Westen unterstützt die jüdischen und zionistischen Pläne zur Schaffung eines Großisrael und die volle Kontrolle der Juden über die arabische Halbinsel als Teil dieses so genannten Großisrael." Befragt, ob er Terrorismus fördere, antwortete bin Laden: "Terrorismus kann lobenswert sein."

Das FBI behauptet, Beweise dafür zu haben, dass der saudi-arabische Millionärssohn schon den Anschlag auf das World Trade Center 1993 initiiert und finanziert hat, ebenso einen Angriff auf amerikanische Truppen in Mogadischu, bei dem 18 GIs starben. Auch das gescheiterte Attentat auf den ägyptischen Präsidenten Mubarak 1995 sowie Bombenanschläge auf amerikanische Truppen 1995 und 1996 in Saudi-Arabien, bei denen 24 Soldaten ums Leben kamen, werden ihm angelastet. Außerdem soll er als Drahtzieher hinter dem Massaker im ägyptischen Luxor 1997 stehen, dem 58 Touristen zum Opfer fielen, ebenso hinter dem Angriff auf das amerikanisches Kriegsschiff USS Cole im Jemen im letzten Oktober.

Manche Sicherheitsexperten warnen seit Jahren, man solle bin Laden nicht mit jedem spektakulären Attentat in Verbindung bringen; das könne kontraproduktiv sein. Vor allem in den Slums vieler arabischer Länder stieg der gebrechliche Mittvierziger zum Helden auf. Tatsächlich gewann der islamistische Terror in ihm eine Symbolfigur; viele junge Araber sind bereit, ihm bis zur Selbstaufopferung zu folgen.

Für die Anschläge auf die amerikanischen Botschaften in Kenia und Tansania, bei denen 224 Menschen starben, war bin Laden zumindest mitverantwortlich. Im Mai dieses Jahres sprach ein New Yorker Schwurgericht vier Araber verschiedener Staatsbürgerschaften dafür schuldig. Zwei wurden zu lebenslanger Haft, zwei zum Tode verurteilt. Sie handelten dem Urteil zufolge "als Teilnehmer einer weltweiten, von bin Laden geführten, im islamischen Fundamentalismus und im Hass gegen Amerika verwurzelten Verschwörung".

Die Gerichtsverhandlung entlarvte nicht eine hoch effizienten Organisation, sondern zeigte eine von innerem Zwist, Verrat und Selbstsucht geplagte, schlampig geführte Gruppierung. Manchmal weigerten sich Mitglieder schlicht, bin Ladens Befehlen zu gehorchen. Jessica Stern, ehemaliges Mitglied des Nationalen Sicherheitsrats, fand das Verfahren dennoch "extrem wichtig für unser Verständnis von Terrorismus. Sein Antrieb ist manchmal mehr die Selbstsucht als die Selbstlosigkeit."